The Glorious Theater Lyrics Of Monty Arnold (9): „If You Give Me Your Attention“

betr.: 115. Geburtstag von Arthur Sullivan

Dass Operette und Chanson sich so häufig überschneiden, ist auf den ersten Blick erstaunlich – ist doch ersteres ein nahezu klassisches Genre und zweiteres näher am Schauspiel als am Gesang. Und doch: beide teilen sich nicht nur diverse Komponisten und Texter sondern sogar eine ganze Reihe von Gesangsnummern.* Bei Gilbert & Sullivan, den Hitlieferanten des Viktorianischen Zeitalters, ist das schon deshalb so gerne der Fall, weil ihre „Savoy Operas“ immer auch Satiren gewesen sind.
Das Auftrittslied des König Gama aus „Princess Ida“ ist ein Couplet wie aus dem Bilderbuch, ein aus dem Leben gegriffenes gesangliches Portrait eines unangenehmen Menschen. Es könnte von Otto Reutter stammen.
Das Elegante an klassischen Auftrittsliedern – das war noch bis weit in die Musicalgeschichte hinein Usus – ist, dass der Vortragende sich prinzipiell großartig findet und es dem Betrachter überläßt, zu einem anderen Ergebnis zu kommen. In einer brandaktuellen Show, die ich kürzlich erleben durfte, wird es hingegen so gemacht wie heute üblich: „Ich bin böse, ich bin schlecht“, heißt es da sinngemäß, und es geht der betreffenden Person gar nicht gut damit. Das deckt sich nicht mit meiner Lebenserfahrung – oder wieviele Leute haben Sie schon kennengelernt, die Ihnen zur Begrüßung ihre geistig-moralischen Schwachstellen erläutert haben?

Hier kommt daher ein Titel der klassischen Konzeption, zunächst im Original, dann folgt der deutsche Text. Er entstand leider erst nach meinem Rückzug aus dem Kabarett, und ich habe ihn nie selbst öffentlich vorgetragen.

Ida1..Ida2.Ida3..Ida4.

If You Give Me Youe Attention
Der Sack als Menschenfreund

(Gilbert/Sullivan/Arnold)

Diese Welt ist voller Fehler, und der Mensch ist nicht perfekt!
Das kann ich zwar nicht ändern, doch ich sag es ganz direkt,
erzähle allen klipp und klar, so leid mir das auch tut,
wie aus der Mode dieses Kleid, wie scheußlich dieser Hut!
Manch einer hält sich für einen ästhetischen Triumph –
bei näherer Betrachtung ist’s ein vollgeschiss’ner Strumpf!
Ich liebe alle Menschen, tue Gutes Tag für Tag –
doch hinterher heißt’s nur, ich sei einer widerlicher Sack!
Wie ungerecht!
(Wie ungerecht!)
Ach Gottogott, wie ungerecht!

Was hat ein fetter Kerl davon, wenn man ihn dünne macht?
Was hilft’s dem krummen Wicht, wenn man nur heimlich drüber lacht?
Ich fördere die Selbsterkenntnis, denn durch sie allein
entspricht auch der Versager dem erstrebten schönen Schein.
Ich weiß, wer was verdient und ob es angemessen ist.
Ich lege Wert auf Gleichheit, bin ich auch kein Kommunist.
So lebe ich als Opferlamm und helfe durch die Tat –
Doch jeder, der mich sieht, nennt mich ’nen ekelhaften Schrat.
Was ham die bloß?
(Was ham die bloß?)
Ach Gottogott, was ham se bloß?

Ich bin zwar kein Asket, doch einer der den Pfennig ehrt.
Ich kenn’ den Preis der Herrlichkeit und auch der Mühe Wert.
Ich gehe allem Ungesagten gerne auf den Grund.
Geheimnisse sind langweilig, und Lachen ist gesund.
In puncto Moder und Verfall, da kenne ich mich aus.
Das Alter einer Dame krieg’ auf Anhieb ich heraus.
Wo Lüge sind und Heuchelei, da setz ich mich in Marsch.
Doch kaum komm ich herein, ruft jeder: „Leck mich doch am Arsch!“
Ja, selber schuld!
(Ja, selber schuld!)
Die Leute sind doch selber schuld!

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* siehe dazu auch den Blog vom 18. Januar 2015

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