Der Kindermund und die Wahrheit

betr.: 77. Geburtstag von Heino

In der guten alten Zeit betrachteten junge Leute Heino als seichten, fiesen Schunkelfuzzi. Wir hatten keine Ahnung, wie er unter seiner Sonnenbrille aussieht, trauten ihm keinerlei Identität jenseits seiner schauerlichen öffentlichen Auftritte zu und auch, dass er wenige Jahre zuvor die deutsche Nationalhymne mit allen drei Strophen eingesungen hat, um dem Nazi-Juristen Hans Filbinger eine Freude zu machen, wussten wir nicht. Wir fanden Heino ganz einfach ekelig, auf eine lockere, angenehm unwichtige Weise.

Bei Radio Luxemburg gab es im Nachmittagsprogramm die Sendung „Hits von der Schulbank“, moderiert von der heranwachsenden Desirée Nosbusch. Schulklassen reichten eine selbsterstellte Hitparade von zehn Titeln ein, zusätzlich gab es eine „Lehrerplatte“.
Ein Sänger war fast in jeder Sendung zu hören, denn die Schüler einigten sich auch auf eine „Kotz-Platte“: erraten – Heino. Desirée grinste jedesmal hörbar bei seiner Anmoderation.

35 Jahre später sind einige der Kids von einst in der Werbung tätig, und der Kotzplattenheini von einst, wird uns auf riesigen, nicht zu übersehenden Plakaten als cooles Reklamemodel verkauft. Die begleitenden TV-Spots erwecken mittels sublimer Montagetricks den Eindruck, er würde an den Turntables auf fetzigen Platten herumscratchen.
Unsere Erwachsenen haben damals über die Jugend von heute den Kopf geschüttelt. Die haben sich meistens gar nichts dabei gedacht, da dieses Schütteln bekanntlich schon seit den Alten Griechen Usus ist. Ein bißchen recht hatten sie aber doch.

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