The Glorious Theater Lyrics Of Monty Arnold (10): „Nina“

betr.: 116. Geburtstag von Noël Coward

In den frühen 40er Jahren rollte, ausgehend von Hollywood, eine „South Of The Border“-Welle durch die Popkultur. MGM (das Epizentrum der zweiten großen Filmmusical-Ära) produzierte eine Reihe von Lustspielen mit südländischen Stars, Rhythmen und Dekors. Stars wie Mario Lanza und Dean Martin machten ihren Weg. Die Symbolfigur dieses Phänomens war die oft parodierte Sängerin Carmen Miranda mit ihren ausladenden Früchtehüten.
Noël Cowards Kommentar dazu war der Song „Nina“. Er erzählt von den Schwierigkeiten einer jungen Südamerikanerin, die sich weigert, diesen Latino-Kitsch mitzumachen. Sie wird von ihren Leuten geächtet, übersteht das und wird sogar glücklich dabei – was ihre Familie vollends auf die tropische Palme bringt.

Nina
Carmen Miranda hatte übrigens ein ganz ähnliches Problem. Ihre Landsleute waren nicht etwa stolz auf sie, sondern verstießen sie als eine Art Vaterlandsverräterin. Sie starb – vereinfacht gesagt – mit gerade mal 46 an gebrochenem Herzen.

Der Originaltext von „Nina“ nimmt – wie auch die Musik – weiterhin Bezug auf Cowards großen Antipoden Cole Porter, den Spezialisten für musikalisches Weltbürgertum, und seinen Klassiker „Begin The Beguine“.

Nina
Text und Musik: Noël Coward, deutsch von Monty Arnold

I

Señorita Nina
aus Argentina
kennt die Klischees gut
nach denen jede Señorita ist ein Heißblut
und der Señor ein Ladykiller vor dem Herrn.

Und wenn in den Latino-Witzen
die Sterne blitzen
durch alle Ritzen,
bleibt sie am Rande der betanzten Fläche sitzen,
und jede Einladung dazu verschmäht sie gern.

Kommt das Gespräch auf Castagnetten
oder auf Palmen und den ganzen Südseekram,
sagt sie: „Ja, seid ihr noch zu retten?
Ich glaub, ihr nehmt mich alle auf den Arm!“

All das Gehopse macht sie kränklich,
und sie findet es befremdlich:
dieses Psychogramm beschränkt sich
auf den Latin-Lover-Schmus.
Dann heißt es „Lass es oder tu’s!“ –
und sie bekommt den großen Blues.

Und kaum dass der nächste Tanz per Lautsprecher angesagt,
wird sie von Drehschwindel, Schüttelfrost und Wadenkrampf geplagt –
sogar beim Walzertakt!

II

Jedwede Fiesta mexicana
fand sie banana
und saß voll Gram da
in der ansonsten ganz entvölkerten Cabana.
Selbst die Familie ging ihr schließlich aus dem Weg.

Und wenn die andern sich verrenken –
so läßt sich denken –
am Samstagabend
voller Extase und mit knirschenden Gelenken,
scheut sie das Musical und auch die Diskothek.

Wird ein Tango aufgelegt,
sucht sie die Veranda auf.
Sie verflucht eine jede Platte mit ’ner Samba drauf –
Carmen Miranda auch!

III

Letztendlich ist sie abgehauen
im Morgengrauen.
Wie alle Schlauen
wird sie sich niemals mehr zurück nach Hause trauen.
Ihre Verwandtschaft schweigt in dieser Sache still!

Auf einmal stellt sich der Erfolg ein:
in Schleswig-Holstein
da wollt‘ ihr hold sein
ein fescher Seemann aus Tahiti mit ’nem Holzbein,
der auch als Ehemann nicht mit ihr tanzen will.

Nach allem, was ich seither höre,
guckt die Familie in die Röhre,
wenn sie sich noch so sehr empöre
über das Treiben dieser Göre,
denn dieses unverschämte Stück
fand anderswo das große Glück!

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