Die im Dunkeln

betr.: 79. Jahrestag der US-Premiere von Walt Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“

Wie allgemein bekannt, gab es eine kurze Zeitspanne, in der Filme zwar sprechen, aber noch nicht synchronisiert werden konnten. Aus diesen Jahren stammen kuriose Kabinettstückchen mit Hollywoodstars, die versuchen, das französisch / deutsch / italienisch sprechende Publikum in Übersee phonetisch zu überzeugen.
Seit 1933 ist es technisch möglich, Tonspuren nachträglich präzise ans Bild anzupassen; eine der ersten erfolgreichen Bemühungen in diesem Zusammenhang war die deutsche Version von „Im Westen nichts Neues“ (1930), die inzwischen durch eine neuere Routinebearbeitung ersetzt wurde (so auch auf arte), die weitaus weniger authentisch wirkt.

Auch von Walt Disneys „Schneewittchen“, der heute vor 79 Jahren zunächst vor einem rein erwachsenen Auditorium das Zeitalter des abendfüllenden Zeichentrickfilms offiziell eröffnete, gibt es eine zeitgenössische deutsche Fassung, die 1938 unter der Regie von Kurt Gerron im holländischen Exil entstand. Die Titelrolle sprach Hortense Raky, der Zwergenchef Doc wurde mit Otto Wallburg besetzt, einem umjubelten Schauspieler und Kabarettisten der Weimarer Republik, der im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet wurde. (Diese Fassung wurde 1957 zum letzten Mal aufgeführt.) Gerron erstellte zusammen mit Max Tak auch die niederländische Version des Films und bestückte den kompletten Cast mit jüdischen Emigranten, die in der „Joodsche Schouwburg“ und Willy Rosens „Theater der Prominenten“ untergekommen waren. Frieda Ross-van Kessel war die holländische Gesangsstimme der Titelheldin.

Seither ist der Film hierzulande zweimal neu bearbeitet worden. Wer sich an die Version von 1966 noch erinnert – in der Synchron-Goldstücke wie Walter Bluhm, Erich Fiedler und Klaus Miedel zum Zwergen-Ensemble gehörten – der wird sich möglicherweise bei der einzigen heute zugänglichen Version von 1994 weniger amüsieren. (Winzige Teile der älteren Tonspur haben sich immerhin auf der offiziellen Disney-Hörspiel-Schallplatte von 1979 erhalten.)
Man könnte jetzt eine Geschmacksdiskussion führen, aber wozu? Die neueren Fassungen lassen die Atmosphäre dieses – offensichtlich und reizvollerweise – uralten Bildmaterials vermissen. Das ist ebenso unpassend, wie wenn man bei einem Film mit Jennifer Lawrence den Tonfilmsound der 30er Jahre hören würde.

Kurt Gerron – der den Impresario des „Blauen Engel“, den Dr. Kalmus in „Die Drei von der Tankstelle“ und in der Urbesetzung der „Dreigroschenoper“ den Moritatensänger gespielt hatte – starb in Auschwitz. Zuvor hatten ihn die Nazis noch einen quasidokumentarischen Propagandafilm inszenieren lassen und ihm dafür die Freiheit versprochen: „Theresienstadt – Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Kabarett und Comedy, Medienkunde, Medienphilosophie abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.