Going West! (5) – Schwere Colts in zarter Hand / Der Wilde Westen im Comic

In seinem Ausstellungskatalog „Going West!“ schildert Alexander Braun mit einer Fülle von Bildmaterial die Darstellung des amerikanischen Gründungsmythos im Comic. Dem vorangestellt ist ein Kapitel über die tatsächlichen Vorgänge im Wilden Westen und ihren Widerhall in der Popkultur.
Der folgende Text und erscheint hier als Serie mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Das große Nichts (5 / Schluß)
von Alexander Braun

Golden GirlsZwei Goldsucherinnen in Whitefish, Montana, im August 1908 inmitten einer reinen Männergesellschaft. Der Westen bot auch Freiraum für Frauen, die den Konventionen einer bürgerlichen Gesellschaft entfliehen wollten. ***

So schleichen sich langsam die Frauen in den Fokus der Wahrnehmung. Nicht als nachgereichte akademische Gender-Konstruktion des 21. Jahrhunderts, sondern als Revision dessen, was tatsächlich stattgefunden hat. So wie Evelyn Cameron, die zur Kamera griff, als das noch wenige Frauen ihrer Zeit taten°, oder die beiden Freundinnen, die sich 1908 nach Montana aufmachten, um mit Spitzhacke und Gewehr ihr Glück auf der Suche nach Gold zu suchen – zwölf Jahre bevor den Frauen 1920 das Wahlrecht in den USA zuerkannt wurde. Was sich in den bürgerlichen Kreisen der Metropolen nicht schickte, Hosen zu tragen, in freier Natur zu campieren und in einer Männergesellschaft grobe Witze zu reißen, hier draußen im Westen war es möglich.

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Mickey und seine Gefährten aus der Feder von Floyd Gottfredson sind die Coverboys von „Going West!“***


Auch beim »Blick des Comics Richtung Westen« (so der Untertitel der Ausstellung*) – in Verbindung mit seinen populärkulturellen Nachbargattungen (Groschen)Roman, Film und Fernsehen wird zwangsläufig einmal mehr eher vom Mythos die Rede sein als
von der Realität. Allerdings: Machmal war der Comic auch ganz weit vorne im Bemühen um Authentizität und nicht verlegen, die besondere Aura des Westens zu bannen – allen Klischees und Verkürzungen zum Trotz: »The Spirit of the West!«
Comiczeichner wie James Swinnerton, George Herriman oder Frank King entdeckten die magische Terra incognita des Westens für sich zu einem Zeitpunkt, als noch wenige Amerikaner diese Orte persönlich aufsuchten. Und Künstler wie der Belgier Hergé begannen, den Finger in die Wunde des Genozids an den nordamerikanischen Ureinwohnern zu legen, als sich das im unkritischen Selbstverständnis der Neuen Welt noch komplett verbot. So werden sich hier auch zwei unterschiedliche Perspektiven auf den Westen begegnen: eine amerikanische und eine mitteleuropäische.

Gemeinsam ist allen die Faszination und Begeisterung für eine gewaltige weite Landschaft, die auf magische Weise so viele an sie gerichtete Hoffnungen und Träume inkarnierte. Es verändert die Menschen, wenn sie aus der Enge der Städte und dem Elend prekärer Lebensbedingungen heraustraten unter den freien Himmel der Prärie. Und diese Energie ist bis heute zu spüren, wie der Reiseschriftsteller William Least Heat Moon (geb. 1939) Anfang der 1980er-Jahre im Selbstversuch feststellte („Blue Highways“, Boston/Toronto 1982, dt. Frankfurt a.M. 1989): »Der wahre Westen unterscheidet sich vom Osten auf eine große, durchdringende, wirkungsvolle und ehrfurchtgebietende Weise: durch Weite. Die grenzenlose Offenheit verändert Straßen, Städte, Häuser, Farmen, Anbau, Maschinerie, Politik, Wirtschaft und, natürlich, die ganze Mentalität. Wie auch anders! Die Weite westlich der Linie ist zu spüren, ja oft zu schmecken, besonders wenn sie leer erscheint, und es ist diese offenkundige Leere, die die Materie so allein, so verloren und disparat aussehen lässt. Diese Weiten machen den Menschen klein und reduzieren seine Blindheit auf die Riesigkeit des Universums; sie drängen ihn zu einem stärkeren Rückhalt bei sich selbst, und, gleichzeitig, zu einem größeren Bewusstsein der anderen und dessen, was sie tun. Aber während die Weite den Menschen kleinmacht nebst allen seinen realen Konstruktionen, macht sie sie – paradoxerweise – auch desto wahrnehmbahrer. Die Dinge zeigen sich hier draußen. Niemand, nicht einmal der Durchreisende, kommt ungeschoren davon. Man entgeht dem nicht, indem man die Sicherheitsscheiben hochdreht und durchrast, weil die schrecklichen Entfernungen die Geschwindigkeit verschlucken. Selbst die Dämmerung braucht fast eine Stunde, nur um Texas zu überqueren.« An anderer Stelle schreibt er: »Geradlining (…) lag die Straße vor mir, selbst die Kurven waren so langgezogen und unmerklich, dass nur die Karte sie zeigte. Auf einer Strecke von 150 Kilometern westlich von Eldorado nicht eine einzige Stadt. Es war jenes Texas, das einigen Leuten beim Durchfahren als eine endlose Öde vorkommt, der Teil, den sie später an der Motelbar als ›Nichts‹ beschreiben. Sie sagen: ›Da draußen ist nichts.‹«

Die Angst des Menschen vor dem Nichts, einer Leere, die seine Selbstgewißheit auch noch im 21. Jahrhundert in Frage stellt, hat jemand wie George Herriman in ihr energetisches Gegenteil verkehrt. Herriman sog aus der Erfahrung mit der Unbegreiflichkeit der Landschaft Arizonas die Energie für den furiosen Existenzialismus seines Strips „Krazy Kat“.

Little Nemo
„Little Nemo In Slumberland“ von Winsor McCay (1869–1934), die Sonntagsseite des „New York Herald“ vom 28. August 1910***
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° siehe Blog vom .1.2016
* Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. Februar und wandert dann weiter ins Saarländische Wagdassen
** Das Buch ist nicht regulär im Handel erhältlich. Man kann es am jeweiligen Ausstellungsort für den Preis von 49 Euro erwerben (432 Seiten mit Schutzumschlag) oder direkt bestellen bei: mail@german-academy-of-comic-art.org (zzgl. 5 Euro Versandkostenanteil / wird als Paket verschickt).
*** Abbildungen aus dem besprochenen Band

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