Die wiedergefundene Textstelle: „Das Drei-Monde-Irrenhaus“ (6)

betr.: 55. Jahrestag der Erstsendung „Twilight Zone“-Episode „A World of Difference“ nach Richard Matheson / Fortsetzung vom 8. März

Das Drei-Monde-Irrenhaus
Eine Kurzgeschichte von Richard Matheson
Übersetzt von Monty Arnold

XI.

Er würde ihr einfach aus dem Weg gehen! Es brachte doch nichts, sich über den unabänderlichen Lauf der Dinge aufzuregen. Wenn er seinen Kopf ausreichend entspannte, würden ihre Gedanken vielleicht hindurchfließen, ohne Halt zu finden. Womöglich ging das ein wenig zulasten seiner Willenskraft, aber darauf wollte er es ankommen lassen.
Wenn er hart arbeitete und sich mit langweiligen Zahlenreihen vollstopfte, mußte es ihr ja irgendwann langweilig werden. Und entspannend für ihn und seine zitternden Hände.

Außerdem könnte ich im Büro schlafen, überlegte er. – Dann fand er Corrigans Notiz.
Der Zettel war tief im Stationsbuch eingeklemmt, und er fand ihn nur, weil er Seite für Seite durchging und laut vorlas – aus den beschriebenen Gründen.
Gott helfe mir! stand da in schwarzen, wirr durcheinanderlaufenden Buchstaben. Liebling kommt durch die Wände!
Lindell starrte auf das Stück Papier. Ich habe es selbst gesehen, führte Corrigan weiter aus. Es ist zum Verrücktwerden! Immerzu ziehen und zerren ihre Einflüsterungen an mir. Und nun kann ich mich nicht einmal körperlich vor ihr in Sicherheit bringen. Ich habe hier draußen geschlafen, aber irgendwie hat sie es geschafft, auch hier hereinzukommen. Und ich …
Lindell las noch einmal, und sein Unbehagen wuchs. Durch die Wände! Es tat förmlich weh, das zu lesen. War das möglich?

Schon Corrigan hatte sie „Liebling“ genannt. Seine Erlebnisse waren nichts Ungewöhnliches.
„Liebling“, murmelte er, und plötzlich stürzten ihre Gedanken wie ein herabstoßender Geier auf ihn ein. Er schlug mit den Armen um sich und schrie: „Laß mich zufrieden!“
Ihr sofortiger Rückzug vermittelte das Gefühl von überlegener Geduld. Sie saß am längeren Hebel.
Er sank in seinen Sessel zurück – schon die kurze Attacke hatte ihn viel Kraft gekostet. Während er den Zettel zerknüllte, mußte er an die Kratzer in der Wand hinter sich denken.
Er sah Corrigan sich auf dem Feldbett hin und her werfen und mit einem Entsetzensschrei hochfahren, als sie plötzlich vor ihm stand. Aber dann verlöschte das Traumbild. Wie war es weitergegangen?
Mit zitternder Hand rieb er sich übers Gesicht. Dreh jetzt nur nicht durch! sagte er zu sich selbst, mehr bittend als befehlend. Eine Welle wüster Vorahnungen überflutete ihn.
Sie kommt durch die Wände.

XII.

Am Abend schüttete er das Getränk, das sie ihm serviert hatte, in den Ausguß im Badezimmer. Er verschloß die Tür, drückte sich im dunklen Zimmer in eine Ecke und sah sich angstvoll keuchend um. Er wartete.
Der Raum kühlte aus. Die Fußbodenbretter wurden eisig kalt, und seine Zähne fingen an zu klappern. Er traute sich nicht, sich hinzulegen und konnte den Grund dafür, wenn er ehrlich war, gar nicht benennen.
So saß er sinnlos herum und wartete, stundenlang.
Er fror, irgendwann wurden seine Glieder steif, und er taumelte doch ins Bett. Er kroch unter die Decke und versuchte, immerhin wach zu bleiben. Wenn ich schlafe, kommt sie, dachte er, ich darf nicht einschlafen.
Als der Morgen ihn weckte, lagen die obligatorischen Blumen auf dem Fußboden.
Ein weiterer gewöhnlicher Tag in einer Reihe von Monaten.

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