Broadway’s Like That (9): Die 20er Jahre

3. George Gershwin und das Jazz-Age (2) (Fortsetzung vom 10. Mai)

Der Durchbruch schwarzer Musicals in den 20er Jahren war nur ein Bestandteil eines umfassenderen Phänomens, der sogenannten Harlem-Renaissance.
Die Harlem-Renaissance war ein Aufblühen schwarzer Kreativität, Kultur und Kunst, das bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 anhielt. Schwarze Intellektuelle wie der Dichter Langston Hughes oder der Schriftsteller James Weldon Johnson beschrieben Harlem als großen Magneten, als schwarzes Mekka. Aber auch Weiße liberale Intellektuelle partizipierten an der Harlem-Renaissance. Ihr weißes Sprachrohr fand die Harlem-Renaissance in Carl Van Vechten, der damals eine zentrale Rolle im kulturellen Leben New Yorks spielte. Nicht nur Romancier, sondern auch Fotograf und Kritiker, nahm Van Vechten auch an der zeitgenössischen Musik regen Anteil und war der erste, der in Amerika über Strawinsky und über Gershwin schrieb.

1922 – die „Rhapsody in Blue“ und der Weltruhm lagen noch vor ihm – machte sich der 23jährige George Gershwin an eine Art Kurzoper mit schwarzem Sujet, wohl auch eine Auswirkung der Harlem-Renaissance. Dieser durchkomponierte, Rezitative verwendende Einakter „Blue Monday“ ist gewiß kein ausgereiftes Werk – das Libretto, eine melodramatische Eifersuchtsschmonzette, noch tastend die Musik. Dennoch lässt sich rückblickend in ihm die Keimzelle von „Porgy And Bess“ erkennen. (Orchestriert wurde das Werk von dem Schwarzen Will Vaudrey.)
Erstaunlicherweise erlebte “Blue Monday” seine Premiere in einer Revue. Zwischen 1920 und 1924 schrieb George Gershwin die Musik für fünf Jahrgänge der „George White’s Scandals“, einer Broadway-Revue, die von einem ehemaligen Tänzer aus den Ziegfeld Follies ins Leben gerufen worden war. „Blue Monday“ eröffnete den zweiten Akt des Jahrgangs 1922 und wurde gleich nach der Premiere wieder abgesetzt. Der Beigeschmack von Oper wirkte im frivolen Kontext dann doch zu befremdlich. Der auch als „King Of Jazz“ titulierte Bandleader Paul Whiteman, dessen Orchester die Show musikalisch betreute, ließ „Blue Monday“ später neu instrumentieren, benannte es in „135th Street“ um und führte es in der Carnegie Hall auf.

Ganz revuegemäß war dagegen das Finale des ersten Aktes der „Scandals“ von 1922. Dieses Finale war Gershwins Song „I’ll Build A Stairway To Paradise“ gewidmet. Es sind natürlich Tanzschritte, mit denen man die Treppe zum Paradies erklimmt. Um den Song herum wurde eine große Production Number inszeniert, die George Gershwin beschrieben hat:

Zwei halbkreisförmige Treppen umschlossen das Orchester auf der Bühne. Sie führten hoch hinauf in das Theaterparadies oder die Soffitten – was in der Alltagssprache die Decken meint. Mr. White hatte 50 seiner schönsten Mädchen in schwarzes Kunstleder gehüllt, welches glänzend das Scheinwerferlicht reflektierte. Zur Musik des Songs wurde ein Tanz dargeboten, und die Mädchen ließen sich nicht lange bitten, von Whitemans Band beleitet, ihre Nummer hinzulegen.

Wir hören eine instrumentale Version von „I’ll Build A Stairway To Paradise“ mit Paul Whiteman und seinem Orchester, aufgenommen 1922.

(Finale, Act I) from “George White’s Scandals 1922”

In “Blue Monday” und „I’ll Build A Stairway To Paradise“ verwendet George Gershwin Blue Notes, ein Novum in der damaligen Theatermusik. Blue Notes, das heißt die erniedrigte 3. und 7. Stufe in der dur-Tonleiter, stammen aus der Blues bzw. der Jazz-Musik. Und Jazz – oder besser: dessen weiße Adaption – sollte sich, wie der Broadway-Historiker Gerald Bordman meint, mit Gershwins Musical „Lady Be Good“ 1924 endgültig als Broadway-Idiom etablieren.

Eine genaue Definition von Jazz gab es in den 20er Jahren freilich nicht. Schon gar nicht war er so deutlich von der Popularmusik geschieden wie seit den 40er Jahren. Jazz meinte auch ein Lebensgefühl, das sich auf die Urbanisierung Amerikas, auf die Verwandlung der Frauen in leicht geschürzte und leichtherzige „Flappers“ auf die feucht-fröhlichen Folgen der Prohibition gründete. Jazz-Age – der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald prägte den Begriff für dieses narzisstische und hedonistische Jahrzehnt.
Direkter als Vincent Youmans und Irving Ceasar in ihrem Hit aus “No, No, Nanette” von 1925 – wohl einem der populärsten 20er-Jahre-Musicals – kann man das Lebensgefühl jener Jahre kaum ausdrücken: „I Want To Be Happy”.

Forts. folgt

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