Eine Art Ewigkeit

betr.: 117. Geburtstag von Alfred Hitchcock, 117. Geburtstag von Alma Reville Hitchcock (morgen) / „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“

Soweit wir wissen, war der gelernte Grafiker Alfred Hitchcock der erste Nicht-Zeichentrickfilmer, der mit einem Storyboard gearbeitet und den kompletten Film nicht nur als Drehbuch erstellt sondern Kameraeinstellung für Kameraeinstellung geplant hat. (Das ist heute – je nach Blickwinkel – stinknormal oder bürokratisch und veraltet, war aber einst überaus fortschrittlich und brachte diesem Regisseur erst großen Erfolg und viel später auch große Anerkennung.)
Am Ende ihres Kapitels über „Young And Innocent“ (1937) schreiben die Biographen Robert A. Harris und Michael S. Lasky*: „Der Film ist in seiner Originalfassung 80 Minuten lang; aus der amerikanischen Fassung wurden zehn Minuten herausgeschnitten, sehr zu Hitchcocks Entsetzen. Man kann sich vorstellen, was ein Mann, der mit der Stoppuhr arbeitet, empfindet, wenn man seinen Film mit dem Hackmesser bearbeitet.“
Was hätten Hitchcock (der nicht nur mit der Stoppuhr arbeitete, sondern auch mit dem Millimeterpapier) und seine frühen Analytiker wohl zu der heute üblichen Praxis gesagt, seinen Filmen zuleibezurücken? Der technische Fortschritt sollte noch spitzfindigere Foltermethoden hervorbringen als die simple Kürzung eines Werkes.°

“Vertigo“ hat insgesamt eine wechselvolle Geschichte. Unzweifelhaft Hitchcocks persönlichster Film (was freilich noch kein Qualitätskriterium ist), fiel er bei Kritik und Publikum 1958 erst einmal durch. Nichtsdestotrotz gehörte er zu den insgesamt fünf Filmen, die der Regisseur aus dem Verkehr zog, um sie für seine Nachkommen auf die hohe Kante zu legen. Er ordnete sogar an, dass weltweit alle Synchronfassungen zu zerstören seien. Ab dem Herbst 1983 brachte Tochter Patricia „Vertigo“ weltweit wieder ins Kino, nachdem er jahrelang praktisch verschollen war und nur in der Erinnerung einiger Zeitzeugen weitergelebt hatte. Einer der ersten Autoren, die Hitchcock ein ganzes Buch widmeten, Robin Wood, entschuldigte sich bei seinen Lesern, hier nur aus dem Gedächtnis arbeiten zu können.
1982 kam es in Berlin zur heimlichen Vorführung einer Privatkopie, von der dann in ehrfurchtsvollem Flüsterton in der „ZEIT“ berichtet wurde wie von einer Séance – passend zum deutschen Nachtitel „Aus dem Reich der Toten“.
Nach der offiziellen Wiederaufführung waren sich die Kritiker einig: „Vertigo“ war die größte Kostbarkeit dieses Hitchcock-Fivepacks (in dem sich immerhin auch der Klassiker „Rear Window“ befand) und stieg in der Folge in Fachkreisen zu dessen definitivem Meisterwerk auf. Vor einigen Jahren löste er sogar „Citizen Kane“ in der Liste der „besten Filme aller Zeiten“ ab.
(Ich kann also hier auf eine Inhaltsangabe verzichten – zumal ich das unwahrscheinliche Vergnügen einer erstmaligen Betrachtung nicht unnötig beeinträchtigen will.)

Traurigerweise war „Vertigo“ nun auch – lange nach dem Tode des Meisters – dem Zugriff der Nachwelt preisgegeben, die offenbar nicht so recht begriff, auf welch vielfältige Weise seine Faszination zustandegekommen war. Es lag nicht allein am Drehbuch und der Leistung der Schauspieler.
Noch 1987 beschrieb Hannes Schlesinger in der „Stern“-Reihe „100 Filme“** die besondere sphärische Wirkung des Films: „Der sanfte Wahn des Tagtraums pocht und zirpt durch die allgegenwärtige Streichermusik (Bernard Herrmann), die die Handlung kommentiert. Fast alle Außengeräusche sind eliminiert: Autos fahren wie durch Watte, Bäume sieht man nur rauschen, Schritte und Schreie sind lautlos – eine Welt wie hinter Glas, beklemmend, lähmend.“
Im Rahmen seiner „Restauration“ für Wiederaufführungen und Tonträgermarkt wurde dem Film Mitte der 90er Jahre eine neue Abmischung verpasst, die Hitchcock das Gruseln gelehrt hätte. Es entstand die Fassung die heute ausschließlich vertrieben, gezeigt und gesendet wird. Mit der Genehmigung der Hitchcock-Tochter Patricia (oder besser: ohne, dass es sie überhaupt interessiert hätte) wurde die so kunstvoll angelegte Geräuschdramaturgie verworfen und Alltagsgeräusche und Effekte dazugemischt – in Dolby-Surround. Was heute von diesem „Meisterwerk des Kinos“ übrig ist, ist eher eine Gegendarstellung.
Die deutsche Synchronisation leistete ihren Beitrag und legte – nach der sehr feinfühligen Bearbeitung von 1984, in der Siegmar Schneider wie üblich James Stewart gesprochen hatte – eine dritte Fassung vor, bei der einem die Haare zu Berge stehen können.

Was mich beim Betrachten dieses manipulierten Klassikers persönlich betrübte, war die Erkenntnis, dass auch das Medium Film nicht in der Lage ist, die Zeit aufzuhalten. Ich gestehe, dass ich mich dieser törichten Illusion viele Jahre lang hocherfreut hingegeben hatte. Sie hatte mich frühzeitig zum Sammler von VHS-Cassetten und Laserdisc gemacht. Sie erhielt erste Dämpfer, als sich die einige dieser Cassetten aufzulösen begannen. Ich las von alten Filmen, die in den Regalen verrotten, weil die Archivare mit ihrer Rettung nicht hinterherkommen. Und es geschah, dass ich einen Film nach vielen Jahren nicht mehr wiedererkannte, weil er in meiner Erinnerung ganz anders ausgesehen hatte – besser, eindrucksvoller. (Das ist mir zum Glück recht selten passiert.)
Das Wiedersehen mit „Vertigo“ auf einer Kauf-DVD machte den Tod dieser kindlichen Weltsicht dann gewissermaßen amtlich.

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* „The Films Of Alfred Hitchcock“, 1976; bei Goldmann unter dem Titel „Alfred Hitchcock und seine Filme“, 1979 der Eröffnungsband der deutschen Citadel-Filmbuchreihe.
° siehe dazu auch den Blog vom 13. September 2014
** Die Reihe erschien ab dem 4. September 1986 in der TV-Beilage des „Stern“, welche damals eine ambitionierte, lesenswerte Publikation war.

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