Der Song des Tages: „Ach Jott, was sind die Männer dumm“

betr.: 76. Todestag von Walter Kollo

Die Berliner Operette (ich persönlich bevorzuge den Ausdruck Berlin-Operette) bildet gewissermaßen die Fortsetzung der Goldenen und Silbernen Operettenära – kontinentaleuropäisch betrachtet, denn in Großbritannien taten sich ja im frühen 20. Jahrhundert noch allerlei andere Dinge.
Walter Kollo gilt neben Jean Gilbert und Paul Lincke als Begründer dieser Stilrichtung. Kollo und Gilbert waren außerdem die leiblichen Väter wichtiger Vertreter der Leichten Muse.
Walter Kollo ist außerdem  – das ist gewissermaßen die Königsklasse – als Schöpfer zahlreicher Gassenhauer in Erinnerung, einer Berliner Mutation des Evergreens:  „Untern Linden“, „Solang noch Untern Linden“, „Es war in Schöneberg“, „Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt“ und ähnliche. Die greise Marlene Dietrich hatte in ihrem berühmten Interviewfilm von Maximilian Schell einen ihrer wenigen versöhnlichen Momente, als sie von der Langspielplatte sprach, die sie mit diesen „Alt-Berliner Liedern“ aufgenommen hatte. (Prompt wurde sie davon vollends überwältigt, und es ereignete sich ein zutiefst sentimentaler Moment.)

Zum Repertoire der legendären Chansonniere Claire Waldoff, einer frechen Lesbe mit Krächzstimme und einem großen Herzen, steuerte er „Ach Jott, was sind die Männer dumm“ bei, eine Weisheit, die wohl niemand in Frage stellen wird. „Claire war das Zugpferd in den Varietés und den Kabarett-Etablissements der 20er, 30er und 40er Jahre“, erzählt der Schauspieler und Synchronsprecher Franz-Otto Krüger. „Sie war ein echter Kumpel, und es war eine Wonne, nach der Vorstellung mit ihr noch in irgendeine Pinte oder eine Destille – wie man damals sagte – zu gehen. Claire saß dann am Kopfende des Tisches und war der Präside. Sie lud uns junge Spunde dann, großzügig wie sie war, ein – und das Abend für Abend.“

„Ach Jott, was sind die Männer dumm“ ist ein volkstümliches Provokations-Couplet: es werden nicht hohe Herren angebellt  oder gesellschaftliche Mißstände angeprangert – die Bosheiten zielen direkt auf die kleinen Unzulänglichkeiten in den Reihen des Publikums. Der zeitgenössische Musik-Kabarettist Bodo Wartke hat sich zum Spezialisten dieser Gattung emporgearbeitet. In diese Tradition gehören auch „Du läßt dich geh’n“ von Charles Aznavour, „Ich liebe dich“ von Rudi Carrell oder der Musical-Song „I Hate Men“ von Cole Porter.
Diese Liedgattung hat den Nachteil, dass in der letzten Strophe – mitunter auch erst in der letzten Zeile, aber spätestens dann – wieder kleine Brötchen gebacken werden und ihrer bis dahin sehr trefflichen Beobachtung eine Begnadigung folgt, ein Existenzminimum, ohne das der betroffene Zuhörer verkümmern müsste. So ist das leider auch bei „Ach Jott, was sind die Männer dumm“.
Wer es gern konsequenter mag, dessen Hoffnungen ruhen auf Sebastian Krämer.

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