Der Song des Tages: „Das Glühwürmchen-Idyll“

betr.: 150. Geburtstag von Paul Lincke

Paul Lincke ist für die Berliner Operette das, was Johann Strauß für die Wiener Operette war und Jacques Offenbach für die von Paris – wenn man kurz beiseitelässt, dass es ohne den letzteren vielleicht gar keine Operette gäbe. Das „Glühwürmchen-Idyll“ war ein Ohrwurm, der sogar in den USA große Beliebtheit genoss. Dort heißt er „The Glow Worm“ und wurde nicht nur häufig interpretiert sondern auch in unzähligen Parodien lustvoll zerlegt und gern in Cartoons eingebaut.

glow-worm_fAls „Europa“ noch mit „Kultur“ gleichgesetzt wurde – Jenseits des Atlantiks war der Berliner Amüsierlokal-Schlager „Glühwürmchen-Idyll“ sogar als „vornehm“ eingestuft.

Von Paul Linckes  Operetten ist vor allem die mit Glanzlichtern gespickte „Frau Luna“ (1899) in Erinnerung, deren Inspiration sich wiederum Jacques Offenbach und seiner „Reise zum Mond“ verdankt. Das „Glühwürmchen-Idyll“ stammt als einziger noch heute halbwegs gängiger Lincke-Schlager aus einem anderen Werk, nämlich aus „Lysistrata“ von 1902.  Den Text schrieb Heinrich Bolten-Baeckers für ein Terzett griechischer Damen mit Frauenchor:

gluehwuermchen-idyll_lysistrata

Wenn die Nacht sich niedersenkt
auf Flur und Halde,
Manch ein Liebespärchen lenkt
den Schritt zum Walde.
Doch man kann im Wald zu zwein
sich leicht verirren.
Deshalb, wie Laternen klein,
Glühwürmchen schwirren.
Und es weiset Steg und Busch
uns leuchtend ihr Gefunkel,
Da taucht‘s auf, und dort, husch, husch,
sobald der Abend dunkel.

Glühwürmchen, Glühwürmchen flimm‘re, flimm’re!
Glühwürmchen, Glühwürmchen, schimm‘re, schimm’re!
Führe uns auf rechten Wegen,
führe uns dem Glück entgegen.
Gib uns schützend dein Geleit
zur Liebesseligkeit.

Auch wer die literarische Vorlage von Aristopanes nicht kürzlich gelesen hat – sie ist gleichwohl noch immer gegenwärtig – wird hier eher an Altberliner Stimmungsliedchen denken als an die Verse von Griechinnen zur Zeit des Peloponnesischen Krieges – ganz anders als bei Jacques Offenbach, der bei seinen Parodien auf die Antike immer Kolorit und Atmosphäre im Blick hatte. Während in der klassischen Vorlage von „des Krieges höllischer Wut“ gesprochen wird, den die Frauen dadurch abwürgen, dass sie die Kriegskasse beschlagnahmen, die Burg besetzen und sich den Männern verweigern, wird bei Lincke und Bolten-Beackers allenfalls geschmollt und gesungen. Dafür sollten wir Verständnis haben, denn schließlich galt es die Herzen der wilhelminischen Apollo-Besucher zu erreichen.  Die große Zeit der Protestsongs gegen den Krieg brach hierzulande schließlich erst zwei Weltkriege später an. Und selbst die großen Friedensbarden der Berliner Chanson-Szene traten erst in den 20er Jahren auf den Plan.
So konnten die Damen bei Lincke einstweilen unverdrossen fortfahren:

Wisst ihr auch, weshalb bei Nacht
die Funken sprühen?
Kennt ihr die geheime Macht
durch die sie glühen?
Nun, so will den Zauber ich
diskret euch nennen,
weil Verliebten inniglich
die Herzen brennen.
Heiß der Blick und heiß der Kuss
und heiß die glühenden Wangen,
Dieses Feuers Überfluss
geschwind die Schelme fangen.

Glühwürmchen, Glühwürmchen flimm‘re, flimm‘re,
Glühwürmchen, Glühwürmchen, schimm‘re, schimm‘re,
Führe uns auf rechten Wegen,
führe uns dem Glück entgegen.
Gib uns schützend dein Geleit
zur Liebesseligkeit.

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