Broadway’s Like That (34): Der Mann, der „Tea For Two“ schrieb

10. Vincent Youmans – Welterfolg und frühes Ende

1925, ein Jahr nachdem Gershwins „Lady, Be Good“ entstand, gelang auch dem einen Tag jüngeren Vincent Youmans mit „No, No, Nanette“ sein erster großer Broadwayerfolg. Das bekannteste Lied der musikalischen Komödie -„Tea For Two“ – wurde erst auf Drängen des Produzenten während der Probeaufführungen hinzugefügt. Zum Entsetzen des Songtexters Irving Ceasar wurde dabei auf seinen Dummy-Text zurückgegriffen. Ceasar hatte der bereits vorliegenden Melodie Youmans wie gewöhnlich eine nicht allzu ernst gemeinte Aneinanderreihung von Wörtern unterlegt, die der Melodiefolge und den Akzenten entsprach. Dieser Fülltext wurde ohne größere Veränderungen für den Song beibehalten. Die Melodie von „Tea For Two“ ist genialer musikalischer Einfachheit und Strenge: von Anfang bis Ende des Songs zieht sich das einfache rhythmische Schema – punktierte Viertelnote / Achtelnote – durch.

tea-for-two-refDiese alberne provisorische Text blieb erhalten – zum Ärger des Verfassers, zum bleibenden Entzücken des Publikums: der Refrain des beliebtesten Songs der Charleston-Ära.

„No, No, Nanette“ wurde vor der offiziellen Broadway-Premiere über ein Jahr lang in anderen Städten gespielt und gefeiert, so dass die New Yorker Kritik schon murrte: „Boston hat’s gesehen, Philadelphia hat’s gesehen, Chicago hat’s gesehen, London hat’s gesehen, und vermutlich haben es auch Guatemala, Medicine Bend und die Kanarischen Inseln schon gesehen“. Nach einer langen Aufführungsserie am Broadway lief das Stück auf Tourneen durch die USA, löste in Europa, Südamerika und Asien ebenfalls Begeisterung aus und wurde so zum weltweit meistgespielten Musical der 20er Jahre. Der Slogan eines weiteren großen Songs aus „No, No, Nanette“ – „I Want To Be Happy“ – ging Youmans trotz seiner frühen Erfolge nicht in Erfüllung. Wie F. Scott Fitzgerald wurde er zu einem Exponenten der „verlorenen Generation“. Seit seiner Kindheit an Tuberkulose leidend, schien er mit seiner immensen Begabung nicht umgehen zu können. Alkoholprobleme kamen hinzu, und aus dem gutaussehenden und charmanten Partygänger wurde ein launischer Eigenbrötler.

Sein ambitioniertes und aufwendiges Projekt „Rainbow“, das den kalifornischen Goldrausch von 1849 zum Thema hatte, endete bei der Premiere im November 1928 in einer Katastrophe: der 1. Akt dauerte knapp 3 Stunden, ein Maultier bockte auf offener Bühne und hielt die ohnehin schwerfällig inszenierte Vorstellung auf, und das einzige Liebesduett hatte Youmans nach einem heftigen Streit mit dem Produzenten kurz vor der New Yorker Premiere streichen müssen. Unter diesen Umständen war das Publikum nicht bereit, das für die Zeit ungewohnt anspruchsvolle Stück zu akzeptieren, und „Rainbow“ erlebte nur 30 Vorstellungen.
Youmans zog aus den Querelen die Konsequenz und wurde fortan sein eigener Produzent; doch in dieser Eigenschaft überwarf er sich mit fast allen Autoren, Regisseuren, Darstellern und Kostümbildnern.  Auch seine folgenden Produktionen endeten im Desaster. Zudem verlor seine Familie infolge des Börsenkrachs ihr Vermögen. Seine Krankheit zwang Youmans immer häufiger zu Sanatoriumsaufenthalten und längeren Arbeitspausen. So sollte bereits die Seemannskomödie „Hit The Deck“ von 1927 Vincent Youmans letzter Erfolg am Broadway bleiben.
Am 5. April 1946 wurde er im Alter von 47 Jahren (wie es so schön heißt) „tot in einem Hotel in Denver aufgefunden“.

Forts. folgt

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