Am untersten Zipfel von Fortunas Füllhorn

betr: 57. Todestag von Caryl Chessman

Der Song „A Boy Named Sue“ von Johnny Cash beschreibt die Situation eines Jungen, der von seinem Vater einen Mädchennamen verpasst bekam, um frühzeitig zu lernen, wie man sich zu wehren hat. Bei Caryl Chessman, der ursprünglich Carol mit Vornamen hieß, führte diese abseitige Methode offensichtlich weiter als es selbst Johnny Cash gutgeheißen hätte. Der Spott seiner Altersgenossen mag dazu beigetragen haben, dass er frühzeitig eine kriminelle Laufbahn einschlug (zunächst Einbrüche, Autodiebstähle und Geldfälschung). In einer Besserungsanstalt lernte er einige Jungendliche kennen, mit denen er später eine Einbrecherbande gründete. Andererseits war er ein ungemein schlauer Kopf, der in San Quentin, wo er zwanzigjährig erstmals einsaß, zum Hauptassistenten des Erziehungsbeauftragten und zum Leiter des „Prisoner Debating Team“ aufstieg. Dass er tatsächlich jener „Red Light Bandit“ war, als der er dort schließlich hingerichtet wurde, hat er bis zuletzt bestritten.

Chessman
Dieses Buch von Caryl Chessman erschien im Original 1955, fünf Jahre vor seiner Hinrichtung.

Caryl Chessman wurde vergast, weil sich eine Stenotypistin in der Telefonnummer geirrt hatte, der Nummer des Gefängnisses von San Quentin. Rechtzeitig durchgestellt, hätte die Mitteilung zu einer neuerlichen Aussetzung der Vollstreckung  geführt (der neunten), die nun einen zwölfjährigen Kampf mit der amerikanischen Justiz beendete.
Im Todestrakt war Chessman zu einem Schriftsteller geworden, der in „Todeszelle Nummer 2455“ seine wüste Vergangenheit aufarbeitete und um eine neue Beziehung zur menschlichen Gesellschaft rang. Er studierte und legte mit „Mein Kampf ums Leben“ eine Studie zur Ursächlichkeit des Verbrechens vor: er führte lange Gespräche mit hunderten Kameraden, die er schließlich den letzten Gang zur Gaskammer antreten sah.

Der Journalist Max Lerner schloss einen Artikel über den Fall Chessman mit einem Satz, der den bis heute unveränderten Stand der Dinge wiedergibt: „Nichtsdestoweniger werden wir ihn auf jeden Fall umbringen, aber nicht, weil es einen Sinn hätte, sondern weil es uns an sozialer Vorstellungskraft für einen anderen Weg mangelt.“
Chessman schrieb in einem hinterlassenen Brief: „Ich glaube, dass das, was mir widerfahren ist, nicht vergebens geschehen ist, und dass es große soziale Bedeutung haben wird.“
Die Erfüllung dieses frommen Wunsches steht einstweilen noch aus.

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