Zwei Fälle für Sir John

betr.: 110. Geburtstag von Laurence Olivier

Ein Beitrag Alfred Hitchcocks zur Transition Time, dem Übergang vom Stumm- in den Tonfilm, war „Mord – Sir John greift ein“, der einzige Film des Meisters, der mehrsprachig produziert wurde, da Synchronisation noch nicht möglich war. In der deutschen Fassung wurde Herbert Marshall, der eine Mischung aus Starschauspieler und Meisterdetektiv verkörpert, von Alfred Abel vertreten.
Es ist kurios, dass es ausgerechnet diesen Filmstoff erwischt hat. Die Geschichte ist so britisch, dass sie in der deutschen Fassung kaum funktionieren konnte. – Genau werden wir es nicht erfahren, denn von der deutschen Version existiert „kein sendefähiges Material“ mehr, wie es dann immer so schön heißt. Wir kennen diesen Film in einer (allerdings entsetzlichen) Synchronfassung aus den 70er Jahren.

Der Titelheld Sir John ist ein berühmter Londoner Bühnenstar, ein Typ wie Laurence Olivier, der über dem Theater ein bewohnbares Büro hat, in dem er seinen Text lernt, seinen Schreibkram erledigt und Hof hält. Dieses im West End übliche Modell war und ist in Deutschland unbekannt – wie eine Reihe weiterer Details, die Hitchcock für die deutsche Fassung nicht geändert hat, weil er ihnen zu wenig Bedeutung beimaß und mit der britischen Version der Geschichte auch ganz zufrieden war.
Laurence Olivier ist sowohl der „größte britische Bühnenschauspieler des (20.) Jahrhunderts“ als auch ein Filmstar, der seinen Landsmann Hitchcock zehn Jahre später am Set in Hollywood treffen sollte.

In der Kindheit des Schauspielers ereignete sich eine weitere von diesen Geschichten, die man nicht ohne weiteres in ein deutsches Drehbuch hätte übertragen können: „Mein Publikum bestand aus meiner Mutter, gelegentlich kam meine Schwester, eine Tante, eine Freundin meiner Mutter hinzu. Zur Beleuchtung hatte ich Kerzen in Zigarettenkästen gesteckt, in die mein Vater Löcher gemacht hatte. Solange meine Mutter lebte, war ich nie ohne Publikum, nie ohne Lob.“ Doch die so zugewandte Mutter stirbt, als Larry zwölf Jahre alt ist. Da ist sein Bruder bereits nach Indien gegangen. „Als ich in der Badewanne saß, drehte ich den Heißwasserhahn für ein paar Sekunden auf und fragte meinen Vater, wann ich damit rechnen dürfte, Dickie als Kautschukpflanzer zu folgen. Die Antwort meines Vaters war so überraschend, dass sie mir geradezu einen Schock versetzte: Nun sei nicht blöd! Du fährst nicht nach Indien, du gehst zum Theater!“

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