Medienlexikon – Film und Fernsehen: Limited Animation

Die Herstellung simplifizierten, grafisch experimentierfreudigen Zeichentricks, der nicht weniger Wirkung entfaltet  als eine aufwändige Animation (der also ebenso rührt, fesselt und amüsiert), erschütterte in den 50er Jahren die US-amerikanische Trickfilmindustrie bis hinauf zum tonangebenden Walt Disney. Dessen Filme „Sleeping Beauty“ (1959) und „101 Dalmatians“ (1961) griffen den Stil auf, und als die Trickfilmer Hanna & Barbera MGM verließen und zu „Hanna-Barbera“ wurden, machten sie den Minimalismus und die Arbeit mit Schablonen zu ihrem Geschäftsprinzip. Sie produzierten neben Werbespots erfolgreiche animierte Sitcoms wie „Familie Feuerstein“ und „Die Jetsons“. Der japanische Zeichentrickfilm wurde später gänzlich auf dieser Prämisse errichtet und feierte seine Erfolge parallel zur amerikanischen 3D-Animation, die wieder einen völlig neuen selbstgestellten Anspruch zu erfüllen hatte.

Der unverstandene Gerald McBoing Boing fasst den Entschluss, sein Elternhaus zu verlassen. (UPA)

Limited Animation – Frühe Größe und späte Wirkung

Begonnen hat die Revolution des flotten Strichs mit den Cartoons des Studios UPA (United Productions Of America). Hier waren (selbstverständlich!) ehemalige Disney Animatoren am Werk, die den Wunsch hatten, sich künstlerisch auszuprobieren und einen hohen erzählerischen Anspruch in schlankere Produktionsabläufe mitzunehmen. 1949 erregte ihr Film „Ragtime Bear“ einiges Aufsehen, in dem der kurzsichtige Schrat „Mr. Magoo“ und sein Goofy-artiger Neffe Waldo ihr Debüt gaben. Er markierte einen Wendepunkt im amerikanischen Animationsfilm. Der Einfluss moderner Künstler (besonders Picasso) und Zeitungs-Cartoonisten (wie Saul Steinberg und Ronald Searle) begann, die traditionelle amerikanische Zeichenkunst zu verdrängen, die Disney in den 30er Jahren als Standard etabliert hatte. Spätestens der erste Auftritt von „Gerald McBoing Boing“, einem stilisierten, aber hinreißenden „noise-making boy“ vor mitunter beinahe leeren Hintergründen (1952), machte allen klar, dass hier „etwas Neues und Wundervolles“ begonnen hatte, „das fast zu gut ist um wahr zu sein“ (Gilbert Seldes).
Die einfachere Art zu animieren war ideal für das Serienfernsehen, und Mr. Magoo wurde zu einem seiner Helden. Erst dort fand er seine fertige Form, verlor aber auf der routinierten Langstrecke auch viel von seinem Charme und Anspruch. Frühe UPA-Cartoons vermitteln bis heute einen Zauber, wie ihn auch jene verspürt haben mögen, die 1928 Mickey Mouse in seinem ersten Tonfilm „Steamboat Willie“ erleben konnten.

Der gemütliche, aber wie hingeschmiert wirkende Sessel von Mr. Magoo hat uns kleine Fernsehzuschauer wirklich herausgefordert.

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3 Antworten zu Medienlexikon – Film und Fernsehen: Limited Animation

  1. slowtiger sagt:

    Ein bißchen Verwirrung aufklären: bitte nicht „UPA-Stil“ und „limited animation“ verwechseln. Das erste ist ein Stil, das zweite eine Technik, allerdings bedingen diese beiden sich im Trickfilm schon sehr. Die Ex-Disney-Animatoren bei UPA wollten zunächst mal einen anderen Look, zwar sind die Designs und die Hintergründe einfach gehalten, die Animation ist trotzdem noch recht aufwändig.

    Schnell merkte man aber, daß man in dem neuen Stil ein paar Abkürzungen nehmen kann. Das, was bei Hanna-Barbera so perfektioniert wurde, gab es in Maßen vorher schon: eine stillstehende Figur auf einer Folie, darüber austauschbare Folien mit den Mund- und Augenbewegungen. Bei den Flintstones gabs dann denKörper einer Figur in Bildmitte feststehend, darunter die bewegten Beine – sowas hätts bei Disney nicht gegeben. Die jetzt auf einen Katalog weniger Bewegungen beschränkte (limited) Animation sparte nicht nur Geld, sondern wurde selber zum Running Gag.

    Disney hat sich in „101 Dalmatiner“ zunächst nur die Hintergrund-Kolorierung von UPA abgeschaut, die Animation war weiterhin klassisch-aufwändig. Allerdings hatte Ub Iworks es geschafft, einen großen Xerox-Kopierer so umzubauen, daß er auf Folie kopierte, deswegen sieht man in diesem Film das erste Mal wirklich die Bleistiftstriche der Animatoren – vorher, und also auch in „Sleeping Beauty“, waren die alle noch mit (farbiger) Tusche auf Folie durchgezeichnet worden. Tatsächlich hat sich Disney nie wirklich mit dem UPA-Stil angefreundet, bis auf den Ausflug mit „Toot, Whistle, Plunk And Boom“.

    Mit Schablonen hat Animation überhaupt nichts zu tun – aber für die Hintergründe von den Flintstones hatte Art Lozzi eine Maltechnik mit Schablonen entwickelt, bei der er sprühte oder mit einem Schwamm tupfte. Kann man schön an seinen Höhlen oder den Wäldern später bei Yogi Bear erkennen. (Fun Fact: als in den 90ern ein Berliner Animator in die Künstlersozialkasse aufgenommen werden wollte, verweigerte man dies mit der Begründung, Animation sei keine selbständige künstlerische Tätigkeit, da man dort ja nur nach Anweisung mit Schablonen oder so arbeitete.)

    Der UPA-Stil und was er alles beeinflußt hat ist sehr schön aufgearbietet in dem Buch „Cartoon Modern – Style and Design in Fifties Animation“ von Amid Amidi.

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