Anglizismen werden fast so gerne sinnlos beklagt und verteufelt wie Bürokratie. Der Ärger über sie wird nicht kleiner, weil es neben der komplett sinnlosen Variante (Begriffe, die man genausogut auf Deutsch ausdrücken könnte) auch Bezeichnungen gibt, die etwas Neues Bezeichnen, das tatsächlich woanders entwickelt wurde und dessen internationale Bezeichnung uns daran erinnert, wie gut die Bundesrepublik inzwischen in vielerlei Hinsicht vom Rest der Welt abgehängt wurde. Daneben könnten uns Wörter wie „Handy“ nachdenklich machen, die englisch klingen, aber wiederum eine deutsche Erfindung sind. Richard Schuberth* hat die erste Variante beschrieben, eingeordnet und noch weitere Auswüchse aufgespürt:
Kulturell hat die angelsächsische Welt längst ihre Leitfunktion, niemand mehr hält (…) UK und (…) USA für cool und nachahmenswert. Englisch oder zumindest englisch klingende Begriffe als Prestigewert jedoch sind Selbstläufer und offenbaren die vierfache Zombiehaftigkeit der Menschen. Erstens reproduzieren sie stumpfsinnig den Fetisch des coolen Fachbegriffs; zweitens übertreiben sie in ihrem Sprachgebrauch geradezu jenes Prinzip parodistisch, dass sich die jeweils größte Konformität am nonkonformistischsten vorkommt und die jeweils letzten Schreie konzertierte Kanons sind; drittens offenbart es die Lust auf Herdenintelligenz, solange nur die Illusion aufrechterhalten bleibt, man wäre der Leithammel oder zumindest die Avantgarde-Herde, die der restlichen über die Abbruchkante vorausspringt; viertens – weniger zombiehaft als sehr menschlich – der Klangzauber, der magische Glaube, durch den banalen englischen Begriff statt eines banalen deutschen im Besitz besonderer Macht zu sein, der Macht, auf dem Wellenkamm der allerneusten Trends zu surfen, auf Augenhöhe mit den neuesten internationalen Entwicklungen. Ich rede nicht von Eindeutschungen englischer Idiomatik wie „Sinn machen“ (to make sense) oder dem noch ulkigeren „sein Hirn nicht darum wickeln können“ (I can’t wrap my brain around). Ihre volle Komik entfalten englische Angeberverben, wenn sie in deutschen Sätzen als Partizip Perfekt auftauchen: „Ich wurde gedisst!“, „Er hat mich gemansplaint!“, „Ich habe sie gegaslighted.“ (…) Es gleicht den Kindern, die Fantasie-Englisch brabbeln, weil sie spüren, wie viel eingebildete Souveränität die Erwachsenen aus der nackten Phonetik dieser Sprache ziehen. So parodieren sie die Eigenparodie der Erwachsenen mit tierischem Ernst.
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* Das neue Buch des Wiener Schriftstellers und Kulturwissenschaftlers Richard Schuberth „Der Paketzusteller“ ist gleichermaßen Bildungsroman wie Gesellschaftssatire. Seine wenig sympathische Protagonistin, die Facebook-Queen Gerhild, propagiert in ihrem digitalen Salon die totale Social-Media-Präsenz und beherrscht den digitalen Überlebenskampf. In analogen Dingen sieht die Sache allerdings anders aus …
Richard Schuberth, geboren 1968 in Ybbs a.d. Donau, lebt in Wien, wo er u.a. als Romancier, Essayist, Cartoonist und Songwriter in Erscheinung tritt. 2021 erhielt er den Theodor Kramer Preis für Schreiben im Exil und Widerstand.