betr.: Das Gruselige Element im Vertrauten
Marc Andersen* erzählt: „Wenn wir über den Horror in der Zeit der Sozialen Medien und der KI nachdenken, kommt mir als erstes ein altes Konzept von 1970 namens ‚the uncanny valley‘ in den Sinn, etwa: das unheimliche Tal. Menschen begannen mit dem Bau von Robotern und wollten herausfinden, warum Menschen Roboter mögen. Und sie entdeckten, dass dies umso mehr der Fall war, je ähnlicher die Roboter dem Menschen sahen. Aber dann passierte etwas Seltsames. Als die Roboter immer menschlicher wurden, mochten die Leute sie irgendwann nicht mehr. Es gab also diesen Einbruch in der Kurve, dieses Tal, das dann ‚the uncanny valley‘ genannt wurde. Man vermutete weiter, dass wir Kreaturen wie Zombies nicht mögen, weil sie zwar menschenähnlich sind, aber nicht ganz. Aus kognitiver Sicht hat es wahrscheinlich damit zu tun, dass wir sehr starke Erwartungen entwickeln, wenn etwas wie ein Mensch aussieht, sich aber nicht wie ein Mensch verhält. Das macht uns Angst. Ich denke, das ist etwas, was wir in den nächsten Jahren bei Künstlicher Intelligenz in großem Umfang erleben werden. Die KI muss ziemlich große Sprünge machen, damit ein von ihr generierter Mensch das unheimliche Tal überwinden kann. Wir reagieren sehr empfindlich auf Abweichungen von menschlichem Verhalten, und es wird schwer, einen KI-Menschen so weit zu bringen, dass er uns nicht unheimlich wird.“
Solche Künstlichkeit ist auch im wirklichen Leben und bei tatsächlichen Menschen anzutreffen, und sie zeitigt auch die beschriebenen Verunsicherungen. Dass wir das nicht sogleich als gruselig wahrnehmen, bringt die Alltäglichkeit solcher Anblicke mit sich. Wenn wir einen zweiten Blick riskieren, erkennen wir (bei anderen) diesen Effekt sofort.
Es ist keineswegs so, dass Personen erst dann künstlich wirken, wenn sie uns als ihre eigene retuschierte Social-Media-Version aus dem Smartphone heraus anblickt. So ist etwa der Selbstvermarkter Harald Glööckler unzweifelhaft auch im persönlichen Kontakt eine Kunstfigur, die sich nicht grundlegend verändern dürfte, wenn sie einmal nicht beobachtet wird. Doch ein Mensch muss nicht erst „Schönheits“-Operationen an sich vornehmen lassen, um an seiner Natürlichkeit Einbuße zu nehmen. Es ist eine Frage der Attitüde, des Stils und der nach außen verlängerten Selbstwahrnehmung. Als ein Vorreiter dieses Phänomens darf der Schlagersänger Rex Gildo (1936-99) gelten, von dem wir heute wissen, dass er am Ringen mit seiner Persona und an den Erwartungen, die er an sie gerichtet hat, zugrundegegangen ist. Seine Arbeit am öffentlichen Bild geriet ihm außer Kontrolle. Er wirkte schon früh, schon bevor er seine erste als Eigenhaar behauptete Perücke aufsetzte, überaus künstlich, heute würde ich sagen: KI-generiert.
_____________
* Der dänische Kognitionswissenschaftler Marc Andersen erforscht in seinen „Recreational Fear Lab“ die Ausprägungen von menschlicher Furcht anhand von verschiedenen Unterhaltungsstrategien im Horror-Genre. Seine Ausführungen entnahm ich einem aktuellen Gespräch mit dem ORF-Magazin „Diagonal“.
-
Neueste Beiträge
Neueste Kommentare
- Hans-Bernhard Barth bei Kultfilm Azubis: Alle an Bord!
- Hans-Bernhard Barth bei Kultfilm Azubis: Und ewig schleichen die Erben
- Hans-Bernhard Barth bei Viel Knef für’s Auge, noch mehr für die Ohren!
- Christian Görgen bei Nicht mal sexy, dieser Bösewicht
- Markus bei Hörspielfreunde auf Diät
Archiv
- Januar 2026
- Dezember 2025
- November 2025
- Oktober 2025
- September 2025
- August 2025
- Juli 2025
- Juni 2025
- Mai 2025
- April 2025
- März 2025
- Februar 2025
- Januar 2025
- Dezember 2024
- November 2024
- Oktober 2024
- September 2024
- August 2024
- Juli 2024
- Juni 2024
- Mai 2024
- April 2024
- März 2024
- Februar 2024
- Januar 2024
- Dezember 2023
- November 2023
- Oktober 2023
- September 2023
- August 2023
- Juli 2023
- Juni 2023
- Mai 2023
- April 2023
- März 2023
- Februar 2023
- Januar 2023
- Dezember 2022
- November 2022
- Oktober 2022
- September 2022
- August 2022
- Juli 2022
- Juni 2022
- Mai 2022
- April 2022
- März 2022
- Februar 2022
- Januar 2022
- Dezember 2021
- November 2021
- Oktober 2021
- September 2021
- August 2021
- Juli 2021
- Juni 2021
- Mai 2021
- April 2021
- März 2021
- Februar 2021
- Januar 2021
- Dezember 2020
- November 2020
- Oktober 2020
- September 2020
- August 2020
- Juli 2020
- Juni 2020
- Mai 2020
- April 2020
- März 2020
- Februar 2020
- Januar 2020
- Dezember 2019
- November 2019
- Oktober 2019
- September 2019
- August 2019
- Juli 2019
- Juni 2019
- Mai 2019
- April 2019
- März 2019
- Februar 2019
- Januar 2019
- Dezember 2018
- November 2018
- Oktober 2018
- September 2018
- August 2018
- Juli 2018
- Juni 2018
- Mai 2018
- April 2018
- März 2018
- Februar 2018
- Januar 2018
- Dezember 2017
- November 2017
- Oktober 2017
- September 2017
- August 2017
- Juli 2017
- Juni 2017
- Mai 2017
- April 2017
- März 2017
- Februar 2017
- Januar 2017
- Dezember 2016
- November 2016
- Oktober 2016
- September 2016
- August 2016
- Juli 2016
- Juni 2016
- Mai 2016
- April 2016
- März 2016
- Februar 2016
- Januar 2016
- Dezember 2015
- November 2015
- Oktober 2015
- September 2015
- August 2015
- Juli 2015
- Juni 2015
- Mai 2015
- April 2015
- März 2015
- Februar 2015
- Januar 2015
- Dezember 2014
- November 2014
- Oktober 2014
- September 2014
Kategorien
- A Portrait Of Hitch“
- Allgemein
- Belletristik (eigene Texte)
- Buchauszug
- Cartoon
- Cartoon (eigene Arbeiten)
- Chanson
- Checkliste
- Comic
- Comic (eigene Arbeiten)
- Essay
- Fernsehen
- Film
- Filmmusik / Soundtrack
- Gesellschaft
- Glosse
- Hommage
- Hörbuch
- Hörfunk
- Hörspiel
- Internet
- Kabarett und Comedy
- Kabarett-Geschichte
- Krimi
- Literatur
- Manuskript
- Marvel
- Medienkunde
- Medienphilosophie
- Mikrofonarbeit
- Monty Arnold – Biographisches
- Musicalgeschichte
- Musik
- Musik Audio
- Naturwissenschaften
- Noten
- Philologie
- Podcast
- Polemik
- Popkultur
- Portrait
- Quiz
- Ralf König
- Rezension
- Science Fiction
- Songtext
- Theater
- Übersetzung
- Übersetzung und Adaption