Wohnwelten (16): Ortlos, aber mit Jahreszeiten

betr.: So wohnen literarische Figuren

In der Kurzgeschichte „Elins Äpfel“ von Peter Stamm* ist ein improvisiertes Ladengeschäft zugleich das Zuhause der Titelfigur und wird später zu dem der Ich-Erzählerin. Letztere wird durch ein Schild angelockt, auf dem für Äpfel, Kartoffeln und Kürbisse geworben wird.

Erst als ich über die Straße ging, sah ich zwischen zwei großen Lagerhallen die kleine Windschiefe Hütte stehen. Sie war notdfürftig aus allen möglichen Brettern, Hartfaserplatten und anderen Materialien zusammengezimmert. Fenster gab es keine, nur ein paar Rahmen aus Dachplatten, die mit milchig-trüber Plastikfolie bespannt waren. Wenige hundert Meter über mir dröhnte ein startender Jet. (…)
Es war niemand zu sehen, aber aus einem Ofenrohr, das aus dem Wellblechdach ragte, stieg Rauch auf. Ich klopfte (…) und öffnete schließlich die Tür.
Der Raum war voller Dampf. Am entfernten Ende stand eine junge Frau an einem alten Holzherd. Sie trug Kopfhörer und hantierte mit einer großen Pfanne. (…)
Der Raum war fast leer. Neben dem eisernen Kochherd gab es eine Matratze, die auf alten Paletten lag. Daneben stand auf einem Holztisch ein Kerzenständer. Der Tisch und die drei Stühle schienen vom Sperrmüll zu stammen. An der Decke brannte eine Petroleumlampe. (…) Ich fragte: „Sie verkaufen Äpfel?“ (…)
„Kommen Sie mit!“
Sie ging voraus durch eine niedrige Tür neben dem Herd, die mit einem alten Jute-Sack verhängt war. Als ich ihr folgte, sah ich in der Pfanne ein halbes Dutzend Einmachgläser in brodelndem Wasser stehen. (…)
Hinter dem Durchgang war ein zweiter, kleinerer Raum. Auf dem gestampften Erdboden standen Lattenkisten mit Äpfeln und Kartoffeln und Zwiebeln. An den Wänden entlang auf Regalen hunderte von Einmachgläsern. (…) Ich las die Etiketten auf den Einmachgläsern. Neben verschiedenen Obstsorten gab es Rotkohl und Rote Bete in Essig, Pilze, Tomatensugo und sogar fertige Suppen.
(…) Ich ging in den Vorratsraum und von dort durch eine zweite Tür nach draußen. Vor mir lag ein Garten, der von einer hohen Hecke aus wilden Rosen umgeben war. Am entfernten Ende standen drei Apfelbäume, deren Laub schon gelb war. Neben dem Komposthaufen blühten Malven und Winterastern. Die meisten Beete waren abgeerntet. Auf einem lag das faulige Kraut einer Zucchinipflanze, daneben ein paar dürre, umgeknickte Maishalme, und um hohe Stangen wanden sich schwarz gewordene Bohnenranken. An einem Holzgitter hing eine Pflanze, deren verdorrte Blätter dünn und weiß wie Papier geworden waren. Auf dem Boden darunter lag eine halbverfaulte Gurke. Vom hintersten Beet leuchten drei große orangefarbene Kürbisse. Über allem lag der Geruch von feuchter Erde und Verwesung.
Der Garten strahlte eine große Ruhe aus (…) die Gefangenschaft in der Zeit, die zugleich Geborgenheit bedeutete und nach der ich manchmal sehnte in meinem atemlosen Leben. Alle paar Minuten startete über mir ein Flugzeug. Aber nicht einmal der Lärm konnte die seltsam friedvolle Stimmung stören.
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* Peter Stamm: „Auf ganz dünnem Eis“, S. Fischer

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