betr.: 250. Geburtstag von E. T. A. Hoffmann

Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk hat sich für den ORF über E.T.A. Hoffmann „Gedanken für den Tag“ gemacht:
E.T.A. Hoffmann ist wie Kafka oder Goethe ein Autor deutscher Zunge, der Weltgeltung besitzt. Sein Werk ist schmal und auf den ersten Blick randständig. Der Großphilosoph Hegel hat ihn geschmäht und dem Dichterfürsten Goethe war er unbehaglich.
Auch wenn er das romantische Handwerk der Geheimnistuerei und der Beschwörung von Harmonie beherrscht, ist sein Blick hinter das menschliche Äußere düster. Früh hat Hoffmann die Nachtseiten der menschlichen Psyche erforscht, nicht in gelehrten Traktaten. Hinter der schönen Fantasiewelt tun sich Abgründe auf und die Welt ist, anders als bei vielen Romantikern, alles andere als hell und leicht. So meint der Kapellmeister Johannes Kreisler, literarischer Schatten des Autors, zu seiner geliebten Julia: „In gleißnerischer Absicht gehen die Geister der Hölle durch die Welt“.
Im literarischen Kosmos von Hoffmann sind es, ähnlich wie bei Kafka, junge schüchterne Männer, die im Vordergrund stehen, der geniale Musiker Kreisler, der sich immer auf der Flucht vor der Welt befindet, der Student Nathanael im Sandmann, der sich in eine mechanische Puppe verliebt, oder der ungelenke Student Anselmus im „Goldenen Topf“, der gleich zu Anfang in den Apfelkorb einer Hexe fällt. Nach und nach tritt aus dem gewohnten Alltag eine rätselhafte Welt hervor, in der Schlangen schöne Augen machen und Holundersträucher zu sprechen verstehen.
Überall kommt eine nicht selten unheimliche, zuweilen auch verheißungsvolle Welt zum Vorschein. So glaubt Anselmus, dass die Zweige und Blätter eines Holunderbaumes „mit halbverwehten Worten“ zu ihm sprechen und dass eine „Schlange“ „mit dunkelbraunen Augen“ sich „nach ihm streckte.“ Das Märchenglück ist wie eine Entschädigung für die vielen kleinen Unglücksschläge, die dem linkischen jungen Mann widerfahren, dessen Reise immer weiter in eine Fantasiewelt führt.