betr.: 225. Geburtstag von Joseph Lanner
Dass der Walzer einmal skandalös war und eine Wirkung auf seine Zeitgenossen hatte wie später der Rock’nRoll, ist schwer vorstellbar – aber nicht unmöglich.
Er war nicht nur der erste Tanz, bei dem Tänzer und Tänzerin einander intensiv berühren konnten, er hatte mit dem Dreivierteltakt auch einen Rhythmus, der einen leichten Schwindel, einen Rausch auslöste.
Bevor der Name der Strauss-Dynastie zur Weltmarke wurde, war es Joseph Lanner, der dem Wiener Walzer seine charakteristische Form gab. Zusammen mit Johann Strauss/Vater entwickelte er aus Ländler, Deutschem und Vorstadttanz jene elegante Dreiviertelbewegung, die Wien musikalisch definieren sollte. Jedoch: Lanner war keineswegs „nur“ ein Wegbereiter der Wiener Tanzmusik. Seine frühen „Neuen Wiener Ländler“ zeigen bereits jene formale Verdichtung, aus der sich der große Konzertwalzer entwickelte. Während die Sträusse das Geschäft professionalisierten und internationalisierten, prägte Lanner den Ton: feinsinnig, oft melancholisch, mit einer kammermusikalischen Transparenz, die den ländlichen Walzer als urbane Kunstform adelte.
Die Konkurrenz zwischen Lanner und Strauss spaltete zeitweise das Publikum – „Lannerianer“ gegen „Straussianer“ hieß es damals. Der Grund: Im Wien des Vormärz wurde der Walzer zur klingenden Projektionsfläche einer Gesellschaft zwischen Biedermeier-Idylle und politischer Spannung.
Nach seinem Tod mit 42 gerät Joseph Lanner rasch in Vergessenheit. Seinen Rang als zentrale Figur einer musikalischen Zeitenwende – als Komponist, der den Wiener Walzer nicht nur populär machte, sondern ihm eine erste kulturelle Identität verlieh – ist es vor allem der Ruhm von Johann Strauss/Sohn, der seinem Andenken den Garaus machte. Erst 1904 erscheint eine Lanner-Biographie, die lange die einzige bleiben wird.