Das neblige Ende der langen Bank

„Schonnoch!“ – Meine Mutter liebte dieses Wort. Wann immer sie zu etwas keine Lust hatte, sagte sie mit mahnender Stimme, das würde sie „schonnoch“ erledigen. Und weil sie eine von Haus aus tüchtige Person war, konnte man sich felsenfest darauf verlassen, dass die besagte Verrichtung unerledigt bleiben würde, weil Mutter sie insgesamt für vernachlässigbar hielt. War man anderer Meinung, musste man sie eben selbst erledigen.
Was mich daran wurmte, war nicht, dass meine Mutter auf manche Dinge keine Lust hatte. Das ist ja allzumenschlich, wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder für alles zuständig fühlte? Aber die Inaussichtstellung, sich ein andermal um etwas zu kümmern, was man ganz gewiss nie und nimmermehr tun wollte, verstimmte mich. „Schonnoch“ ist mir bis heute ein persönliches Unwort.
Es fasst zusammen, was ich mir selber nicht erlauben möchte. Wenn ich etwas unsinnig finde oder nicht als meine Aufgabe ansehe, mache ich anderen und vor allem: mir selbst auch nichts vor. Diese Vermeidungstaktik trifft nicht nur sinnlose Tätigkeiten oder tatsächlich bitter Notwendiges, sie verhindert auch Taten der Selbstoptimierung, der Regeneration und der Inspiration.
Inzwischen ist mir aufgefallen, dass es Dinge gibt, die sich überhaupt nur mit Muße erledigen lassen. Mein wohlbegründetes Vorurteil dazu lautet: Das berühmte Buch, für dessen Lektüre unsere Politiker keine Zeit haben, wie einige von ihnen manchmal sagen, wird auch dann nicht zur Hand genommen werden, wenn diese Leute einmal Urlaub machen, sich wegen eines Burn-out in einer Auszeit befinden oder wenn sie abgewählt werden, ihre Ämter niederlegen o.ä. Dieses Buch wird entweder kurzfristig gelesen – mittelfristig, in einer Kampfpause – oder schonnoch.

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Monty Arnold - Biographisches abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert