Alles halb so wild, Frau Kohl-Richter!

betr.: Helmut Kohl

Berühmt ist der Ausspruch von Truman Capote: „Alle Literatur ist Klatsch!“ Für all die Normalsterblichen, die in Heribert Schwans und Tilman Jens‘ Bestseller „Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle“ nicht vorkommen (die überwiegende Mehrzahl der Menschheit also) ist das Buch längst nicht so skandalös, wie es Frau Kohl-Richters erfolgreicher juristischer Werbefeldzug uns glauben machte.
Mindestens wer die betreffende SPIEGEL-Titelstory gelesen hat, und wer darüber hinaus 16 Jahre lang von Helmut Kohl regiert worden ist, dem hat das Buch nichts wahrhaft Überraschendes zu erzählen.
Kann man denn von einer geistreichen Lektü
re sprechen?
Eher nicht. Der Stil ist verblüffend karg und unamüsant, gerade wenn man den Unterhaltungswert seines Gegenstandes zugrundelegt (und ich meine nicht den seiner Parodisten). Herr Schwan ist kein bißchen weniger beleidigt und nachtragend als der Portraitierte. Ein Großteil des Textes besteht ohnehin aus dessen Gebrauchsanweisung. Kaum ein Kohl-Zitat entgeht der anschließenden bürgerlich-entrüsteten Erläuterung. (Hätte man dies und all die Blähsätze von der Sorte „Das sieht ihm ja mal wieder ähnlich, dem alten Schlitzohr!“ weggelassen, wäre das Bändchen noch schlanker ausgefallen.)

Immerhin: der im SPIEGEL angestellten pessimistischen Vermutung, Kohl würde das Geheimnis seiner Spender wohl mit ins Grab nehmen, wird auf Seite 149 ein spannender Gesichtspunkt hinzugefügt.
Und je nach Blickwinkel tut sich immerhin eine Novität auf: das Bild eines Mannes, der lebenslang unter der Verachtung jener leidet, die mehr (weiße) Haare auf dem Kopf haben, besser deutsch, englisch, französisch (…) können, „aus der besseren Gesellschaft“ stammen undsoweiter. – Da bin ich aber platt! Hat der so arg Herabgesetzte in den langen Jahren seiner Kanzlerschaft nicht immer wieder betont, es sei sein größtes Plus, ständig unterschätzt zu werden, und das wäre auch gut so?
Log er damals, oder lügt er nun hier wie gedruckt?
Wird es etwa doch noch spannend?

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