Propaganda is nich! – Meine kleine Geschichte der Wiedervereinigung

betr.: 25 Jahre Mauerfall / Biographisches

Alfred Hitchcock geht es hier nicht um eine realistische Schilderung der DDR sondern um die Darstellung eines Fantasielandes, in dem zwei Amerikaner ihre Identität zu verlieren drohen.“

Fernsehansagerin der ARD vor der Ausstrahlung des Films „Der zerrissene Vorhang“, Mitte der 80er Jahre

Ich stamme zwar vom Niederrhein, wuchs aber in einem Dorf im tiefsten Südwesten auf. Wir hatten keine Familienangehörigen in der DDR, zumindest erzählte man uns Kindern nichts davon. Jedenfalls spielte dieses Thema in meinem sehr unpolitischen Elternhaus keine Rolle. Immerhin irritierte mich das Wort „Demokratische“ im Namen eines Staatengebildes, das seine strikt Ausreisewilligen niederschoß. Aber das konnte man mir erklären: „Davon verstehst du nichts!“
Ich wurde in der Folge immer mal wieder ermahnt, Toleranz gegenüber „fremden Ideologien“ zu üben. Mir bliebe beim Stand meines Durchblicks ja auch nichts anderes übrig.

Eines Tages, ich war wohl 12 oder 13, bekam ich einen erkennbar bereits gelesenen Brief von einem gewissen Ralf aus Dresden. Er schrieb, er habe meine Adresse „aus einem Spinne-Comic“ (also von der Flohmarktseite der damaligen „Spiderman“-Heftchenreihe). Er bot mir eine Brieffreundschaft an, ich griff begeistert zu. Ich bat ihn um ganz banale Alltagsschilderungen und las nun einige Monate lang mit wohligem Schaudern seine Post. Da mir mein eigenes Leben auf seine Art auch recht gruselig vorkam, sind wir einander literarisch wohl nichts schuldig geblieben.
Schließlich bat mich Ralf, ihm die Logos unserer Parteien zu schicken – nur die Logos. Ich staunte, dass man einen Brief mit diesem Anliegen überhaupt zu mir durchgelassen hatte, packte ihm aber die drei Zettelchen gern in den Umschlag. Danach hörte ich nie wieder von ihm.

1982 machte unsere Familie mit dem von meiner Mutter geleiteten Kirchenchor einen Ausflug nach Fulda – wo wir bei dieser Gelegenheit noch Verwandte besuchten. Zum Kulturprogramm gehörte ein Besuch der gut erreichbaren „Zonengrenze“. Der Diavortrag zur Besichtigung der Selbstschußanlagen im Sonnenschein enthielt die einzigen im weitesten Sinne klassenkämpferischen Ansagen, die mir in meiner Jugend zum Thema „Deutsche Teilung“ gemacht worden sind.

Zonengrenze

Im folgenden Jahr beendete ich die Realschule. Zu meiner großen Freude und Überraschung fällte die Klasse zwei Entscheidungen: erstens nahmen wir auf die Abschlußfahrt unseren skurrilen Mathematiklehrer als Begleitperson mit, einen Hobbyfotografen und Jazzliebhaber, den ich bis heute sehr bewundere, zweitens fuhren wir nicht zum Fummeln auf eine doofe Almhütte sondern – in die DDR. Wir wurden nur kurz gebeten, unsere „lockere bundesrepublikanische Art“ auf der Transitpassage nicht zu übertreiben, ansonsten vertraute man unserem gesellschaftlichen Feingefühl.

Erfurt

Die Reise führte uns ins herausgeputzte Weimar und ins lebensechte Erfurt. Das „Staatliche Reisebüro der DDR“ schickte uns als Reiseleiterin eine rhetorisch stramme, hochschwangere Blondine, die sich von meinem arglos-demokratischen Kindermund lautstark und hochrot auf die Palme bringen ließ. Ich rechne es unserer Klassenlehrerin Frau Klär sehr hoch an, dass sie mich zu keiner Zeit zurückgepfiffen hat.
Ich spazierte allein durch die nächtliche Schillerstraße – eine Kulisse wie aus einem tschechischen Märchenfilm – und machte bald darauf eine Straßenbahnfahrt durch Erfurt, dessen Bewohner mir grau und müde vorkamen – wie frisch erobert. Auf einem kleinen Fußmarsch erblickte ich an jedem zweiten Bauwerk eine übergroße Propagandatafel. Mir bot sich eine Atmosphäre, die kein apokalyptisches Endzeitstück besser hätte treffen können. Auch als Filmfreund kam ich also voll auf meine Kosten.

Zurück im Westen hatte ich (mittlerweile Anfang 20) in einem städtischen Szene-Lokal meine letzte Unterhaltung zur bestehenden DDR. Nachdem ich mal wieder über den real existierenden Sozialismus gestänkert hatte, beschämte mich ein Bekannter mit dem Geständnis: „Also, ich würde mir nie einbilden, ich verstünde, was die Menschen dort fühlen und wie sie leben. Wenn du das anders siehst … na gut, das mußt du selbst wissen!“

Heute vor 25 Jahren saß ich vor dem Fernseher und betrank mich an den aktuellen Bildern aus Berlin – gerade so, als hätte ich Verwandte dort, kein bißchen schlauer als in jener Zeit, da man mir sagte: „Davon verstehst du nichts!“

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