Eine Abkürzung zum Jazz (8): Der Free-Jazz (1960 – 1970)

betr.: Neuere Musikgeschichte / Gesellschaft und Kultur

Diese heute endende Serie basiert auf meinem Unterricht „Musicalgeschichte“.

1955 verwenden der blinde, weiße Cool-Pianist Lennie Tristano und sein Sextett zum ersten Mal in Jazz-Aufnahmen harmonische Mittel, die sich radikal über die Gesetze der Tonalität hinwegsetzen. Seit Ende der 50er Jahre arbeiten neben weißen auch junge schwarze Jazzmusiker – vor allem die Saxophonisten Ornate Colman und John Coltrane – in dieser Weise. Die Entwicklung neuer Spieltechniken und klanglicher Möglichkeiten (z.B. schrille, schreiende oder quäkende Töne durch die Ausnutzung extremer Lagen an den Rändern der Tonleiter und Geräuscheffekte). Die so erzielte Spontaneität und Unmittelbarkeit führt zu einem wilden Sound, wie ihn in der Popmusik bisher nicht gegeben hat. Diese Härte und Aggressivität ist – nicht zum ersten Mal im Jazz – auch eine gesellschaftliche Provokation. In die Zeit des Free-Jazz fällt die Ermordung der schwarzen Bürgerrechtler Malcolm X und Martin Luther King sowie der als liberal gefürchteten Brüder John F. und Robert Kennedy.

Der Name Free-Jazz verweist auf die stilistischen Hauptmerkmale der Musik: die uneingeschränkte Verwirklichung des individuellen Ausdruckswillens, der Improvisation, die – frei wie nie – in den Vordergrund tritt. Umso intensiver müssen nun aber auch die Band-Mitglieder aufeinander hören und eingehen. Die Qualität dieser Interaktion ist eines der wesentlichen Kriterien des Free-Jazz.

Nachwort zur Serie

Bis zum heutigen Tage ist der Jazz eine sich stetig weiterentwickelnde Musikrichtung. Die folgenden Stile (Hardbop, Post Bop, Soul Jazz, Avantgarde oder Fusion) sind eher Gegenstand einer elitären Erforschung und Bewunderung – wie die „Neue Musik“, mehr noch als die Oper, aber (leider) keine volkstümliche Kunstform mehr. (Eine Ausnahme war z.B. die kurze Phase des Jazz-Funk Anfang der 80er Jahre.)

1953 erschien – damals noch als schmales Taschenbuch – die erste Auflage von „Das Jazzbuch“ des 2000 verstorbenen Joachim-Ernst Berendt. Die 7. Auflage ist backsteindick und erschien 2005. (Günther Huesmann ist der erste der Nachfolger Berendts, die das wertvolle Projekt am Leben halten.) Reinlesen kann man hier: https://www.amazon.de/Das-Jazzbuch-Fortgef%C3%BChrt-G%C3%BCnther-Huesmann-ebook/dp/B0058G3CO2/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1414322020&sr=8-1&keywords=jazzbuch+berendt#reader_B0058G3CO2. (Wenn Ihnen das Gelesene gefällt: sie bekommen es natürlich auch in der Buchhandlung.) Dieses Quellenwerk sei all denen empfohlen, die nicht nur die hier zurückgelegte Abkürzung nehmen möchten – und natürlich die Aufnahmen, die uns die Vertreterinnen und Vertreter des Jazz hinterlassen haben. Seit 1939 hat sich hier vor allem das Plattenlabel „Blue Note“ hervorgetan.

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