Comedy – eine Schule der Demut

betr.: 9. Todestag von Hanns Dieter Hüsch

Hanns Dieter Hüsch war mein wichtigstes zeitgenössisches Vorbild und bleibt eines meiner größten Idole. Wer sowohl seine als auch meine Arbeit kennt, weiß das natürlich und hört es heraus. (Die „Saarbrücker Zeitung“ überschrieb ihre Premierenkritik meines Programmes „All That Arnold“ mit „All That Hüsch“.)
Dieser Mann war etwas über 50 Jahre lang aktiver Kabarettist – und zwar ununterbrochen. Das wäre vielleicht ein reiner Fleißrekrord, hätte sich Hüsch nicht auf so vielen stilistischen Gebieten betätigt. In wechselnden Haar- und Barttrachten machte er politische Chansons, literarisches Kabarett, Parodien, Stand-Up-Comedy, Dada, Sketche, Gedichte, Monologe, Polemiken, Solo-Sprechchöre, lyrische Chansons, volkstümliche Chansons, Nonsens und Blödel-Schlager, Theater … und natürlich eine beachtliche Synchronarbeit für das ZDF-Vorabendprogramm („Väter der Klamotte“). Den Linken – jenen Trotteln, die den Massenmörder Mao als Poeten und Philosophen verehrten und in ihre WG-Küche hängten – war er nicht links genug, und zeitweise wurde er von ihnen nicht nur boykottiert sondern richtiggehend sabotiert (auf eine Weise, die Anfang der 30er „Saalschutz“ genannt wurde). Dabei blieb er einer der nettetsten Menschen, die ich als Kollegen kennenlernen durfte. Wichtiger noch ist mir hier und heute freilich das Inhaltliche: für mich war er zwar der Komischte von allen – ich habe über ihn in all den Jahren mehr gelacht als über Loriot und Heinz Ehrhardt zusammen – aber in seinen unzähligen Soloprorammen ging es niemals nur um Pointen.
Er hatte den Mut (siehe oben), mitunter viertelstündige Beiträge zu machen, in denen es überhaupt nichts zu Lachen gab oder in denen nur einzelne Leute an völlig unterschiedlichen Stellen lachten. Was geschah stattdessen in dieser Zeit? Es war die reine Poesie.

Hüsch ist in seiner Karriere als fahrender Unterhalter und Fernsehschaffender immer sehr bescheiden geblieben – und das ist erstaunlich, denn nach meinen Eindruck ist diese Tugend eher hinderlich, wenn man auf den Brettern was werden will. Dieser Widerspruch hat sich für mich nie aufgelöst.
Da fällt mir ein …
In meinen frühen Hamburger Tagen wohnte ich auf der Reeperbahn. Schräg gegenüber lag das neu eröffnete Schmidt Theater. Von Anfang an gab es dort jede Nacht um 12 die „Schmidt-Mitternachtsshow“, die bald auch im Norddeutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde und dem Haus einen fulminanten, dauerhaften Erfolg bescherte. Von Zeit zu Zeit moderierte ich die werktägliche Ausgabe dieser Mix-Show.
Durch meine räumliche Nähe konnte ich auch sehr flott einspringen, wenn einer der Kollegen mal nicht erschien oder plötzlich absagte.
Solche Kapriolen waren in der goldenen Gründerzeit des Hauses gar nicht mal so selten, denn es waren sehr freie Künstler die sich hier präsentierten und ausprobierten. Etwa bis ein Jahr nach der Eröffnung erlebte man dort wahres Fronttheater – ähnlich muß es im späten 19. Jahrhundert in der britischen Music-Hall zugegangen sein. Das Kiez-Publikum nahm kein Blatt vor den (rülpsenden) Mund und warf ggf. die (noch nicht vollends geleerte) Bierflasche auf die Bühne, wenn ihm ein Beitrag nicht zusagte. Selbstverständlich hielt sich trotzdem kaum ein auftretender Kollege an meine Bitte „nicht mehr als 15 Minuten“ zu agieren. Ich gebe zu, ich war ein sehr konservativer Moderator, der hoffte, das Programm möge nicht viel länger als zweieinhalb Stunden dauern – als Zuschauer würde ich es auch so wollen. (Corny Littmann und Ernie Reinhardt hatten nichtsdestotrotz großen Erfolg mit ihren bis zu fünfstündigen Ausgaben der Show am Wochenende.)

Eines Abends hatte ich einen jungen Mann anzusagen, der schon durch sein drollig-buntes Jackett und ein etwas abwesendes Dauergrinsen große Entschlossenheit vermittelte. Was dann folgte, übertraf aber all meine Erwartungen an seine Steherqualitäten.
Er lieferte einen Nonsens-Monolog ab, der vermutlich (auf solider Grundlage) improvisiert war. Dabei schlug er wilde inhaltliche Haken – ich erfinde das jetzt: „… Und dann katapultierte sich Giesla Schlüter in den Weltraum hinauf, wo sie mit Rolf Kauka zusammenstieß, der dort gerade auf der Milchstraße Pilze suchte! Die beiden stürzten auf die Erde zurück und fielen direkt in den Aachener Weiher, so dass alle Urlauber ganz naßgespritzt wurden. Das sah Christoph Kolumbus, der gerade vorbeigeschippert kam, um nun auch noch Grönland zu entdecken …“
Nach 30 Sekunden regte sich der erste Unmut. Er wurde dazwischengeblökt und immer deutlicher auch formuliert: „Was soll denn der Scheiß?“ – „Spinnt der?“ usw. Wer so frech der kollektiven Zuschauererwartung ins Gesicht lacht, imponiert mir unbedingt. Bedauerlicherweise konnte ich dem Vortrag aber keinerlei Unterhaltungswert abgewinnen und die Reaktionen im Saal zumindest nachvollziehen.
Ich versuchte, mir meine Mischung aus Fremdscham und Nicht-Amüsement nicht anmerken zu lassen – als Moderator saß man in der Mitternachtsshow gut sichtbar am Bühnenrand. Der Kollege war unterdessen quietschvergnügt und fand –
wie sich das gehört – lange kein Ende. Mit (nichtansteckender) stählerner Fröhlichkeit hielt er wohl 20 Minuten durch und ging dann federnd ab.
Ich hätte ihn für seine Chuzpe bewundern oder ihm zumindest zu der Spielfreude gratulieren müssen, die durch nichts zu bremsen war. Stattdessen tat er mir leid – so bin ich. Und ich schwieg betreten.

Kurz darauf war dieser Künstler beim Fernsehen gelandet, und wenige Monate später war er berühmt und reich. Bis heute habe ich ihn bei nichts erwischt, was ich als Pointe bezeichnen würde, aber der Erfolg hat ihm recht gegeben.
Dieses Erlebnis war geeignet, einen bescheidenen Menschen aus mir zu machen.
Hat es das geschafft? Und falls ja: hätte es mir genutzt?
Nun, ich hoffe es.

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