Die Blutspur führt zurück

betr.: 48. Geburtstag des Buches „In Cold Blood“ von Truman Capote

Kaltblütig“ von Truman Capote ist eins meiner Lieblingsbücher. Wann immer ich im Antiquariat ein Exemplar für kleines Geld liegen sehe, kaufe ich es, um es bei der nächsten wohlgewählten Gelegenheit zu verschenken. Die sachliche und doch zutiefst verstörende Rekonstruktion der grauenhaften Morde an einer vierköpfigen Farmerfamilie und der Aufklärung des Verbrechens war vor fast 50 Jahren augenblicklich eine literarische Sensation und ist seither immer wieder nacherzählt worden.
Es folgt ein kleiner Streifzug durch dieses Medienereignis, das mich fast bis zuletzt begeistert hat.

25.9.1965: Der „New Yorker“ beginnt mit dem Abdruck eines Textes, der heute als der erste Tatsachenroman angesehen wird. Der bereits gefeierte Autor Truman Capote hat sechs Jahre lang recherchiert und ist zuletzt sogar zu einem nicht genannten Teil der Geschichte geworden: Capote, der von der Ermordung der Familie Clutter in ihrem Haus in Kansas 1959 aus der Zeitung erfahren hatte, suchte die Gemeinde Holcomb auf, um vor Ort zu ermitteln und die Panik der Bürger einzufangen. Schnell waren die beiden Täter gefaßt: die jungen Zuchthäusler Richard Hickock und Perry Smith, die im Haus des reichen Mr. Clutter viel Geld vermutet, aber letztlich nur 40 Dollar erbeutet hatten. Der Autor gewann das Vertrauen der Inhaftierten und schaffte es so, die Ereignisse und die banalen Motive der Tat präzise zu rekonstruieren. Mit der Hinrichtung der Täter war die Geschichte abgeschlossen und endlich druckreif.

1.1.1966: Random House veröffentlicht das Buch „In Cold Blood“, das im Mai desselben Jahres in Deutschland im Limes Verlag unter dem Titel „Kaltblütig“ erscheinen wird. Zu diesem Zeitpunkt zweifelt längst niemand mehr am innovativen Potenzial und der Qualität des Werkes, an seinem unmittelbaren Status als moderner Klassiker.

14.12.1967: Richard Brooks‘ Film „In Cold Blood“ – angelegt als Plädoyer gegen die Todesstrafe – wird uraufgeführt. (In Deutschland startet er am 12. März des folgenden Jahres.) Die Darsteller mußten das grausige Geschehen an den Originalschauplätzen nachstellen, also z.B. in jenem Keller, in dem Vater Clutter sein Leben ließ. Truman Capote hat den Dreharbeiten beigewohnt und wurde von Perry-Smith-Darsteller Robert Blake gelobt: „Er lehrte mich mehr als jeder andere über die Schauspielerei.“

1.8.1994: „Capote: A Biography“ von Gerald Clarke erscheint bei Little Brown Book Group Limited. (Auf deutsch kommt es zunächst als Taschenbuch heraus. Erst Jahre später – nach dem darauf basierenden Filmerfolg – wird das Hardcover vorgelegt.) Hierin wird auch nachgeliefert, was Capote in seinem Buch „Kaltblütig“ ausgelassen hat, da er die Meinung vertrat, in einer Reportage dürfe es kein „ich“ geben: die Entstehungsgeschichte des Romans und Capotes Kampf mit sich selbst und seine intensive Beziehung zu den beiden Tätern.

24.11.1996: Der TV-Zweiteiler „In Cold Blood“, Regie: Jonathan Kaplan, wird in den USA ausgestrahlt. Die Rollen der Mörder spielen der „Emergency Room“-Darsteller Anthony Edwards und Julia Roberts‘ Bruder Eric. Wie schon die alte Filmversion übernimmt auch diese Fassung Capotes Dramaturgie, die den Mord erst in einer späten Rückblende stattfinden läßt.

5.12.2002: Der Bayerische Rundfunk sendet den 1. Teil seiner 146minütigen Hörspielfassung des Stoffes, Bearbeitung und Regie: Irene Schuck, mit den Sprechern Jens Wawrczeck, Jens-Holger Kretschmer und Gerhard Garbers. 2004 bringt DerHörVerlag die Produktion auf CD heraus.

2. März 2006: Kinostart des United-Artists-Films „Capote“ von Bennett Miller, der die möglicherweise eindrucksvollste Hauptrolle des früh verstorbenen Philip Seymour Hoffman enthält. Der Film basiert auf der Biographie von Gerald Clarke und deren Auslegung, die Arbeit an „In Cold Blood“ markiere den Scheideweg in Capotes Leben und den Beginn seiner Höllenfahrt. Der Film vermeidet – im Gegensatz zu den meisten Biopics – den Fehler, das ganze Leben des Autors abbilden zu wollen und konzentriert sich auf die Jahre 1959 bis 1966.

13. August 2013: Die Graphic Novel „Capote in Kansas“ von Ande Parks (Text) und Chris Samnee (Zeichnungen) erscheint auf deutsch. Hier wird nochmals die Entstehungsgeschichte von „In Cold Blood“ erzählt. Offensichtlich mißtrauten die Macher dem mittlerweile wohlbekannten Sujet, und so ließen sie eins der ermordeten Kinder, Nancy Clutter, als Geist erscheinen und mit dem recherchierenden Capote sprechen. Dieser prätentiöse Versuch, den Stoff aufzujazzen, kann nur von jemanden angestellt worden sein, der sich niemals mit der an Furien und Chimären reichen Person Truman Capotes auseinandergesetzt hat. (Zumal sich Capote sicher angeregter mit dem Geist von Nancys ermordetem Bruder unterhalten hätte). „Capote in Kansas“ ist zeichnerisch ansprechend, in der Summe aber ein weiterer Sargnagel für das Genre der Graphic Novel als volkstümliche Kunstform.

Dieser Beitrag wurde unter Comic, Film, Krimi, Literatur, Medienkunde abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.