„In Youth Is Pleasure“

betr.: 100. Geburtstag von Denton Welch

Nachdem ich mich einige Jahre lang so durchlogiert hatte – z.B. in meinem nebenberuflichen Arbeitszimmer oder in sehr engen Untermietverhältnissen – hatte ich mit zwanzig endlich eine richtige eigene Bude. Ich war nun wild entschlossen, mich auch geistig neu zu möblieren, das hieß: mir ein fundiertes literarisches Grundwissen anzueignen. Eine Freundin, deren Traumberuf Dramaturgin war und die in meinem ersten Ensemblekabarett-Projekt mitspielte, stellte mir eine Einkaufsliste zusammen (Novalis, Trakl, Klaus Mann, Horváth …), und brachte mir so die hochachtungsvollen Blicke meines Buchhändlers ein. Außerdem kamen um diese Zeit bei Zweitausendeins die Arbeiten eines früh verstorbenen englischen Autors heraus: Denton Welch. Der war von William S. Burroughs als der Schriftsteller gelobt worden, der ihn am meisten beeinflusst habe. Er bezeichnete ihn als „ersten Punk der Welt“. Damals hoffte ich noch, auch Burrouhgs eines Tages mit Gewinn lesen zu können – was sich nicht erfüllt hat – und Punk war nie ein Lebensentwurf, der mich sonderlich gelockt hätte, aber mich interessierte die persönliche Tragödie von Denton Welch: 20jährig wurde er beim Radfahren von einem Auto überrollt und zum Krüppel. „Er schrieb noch vier exzellente Bücher“, so Burroughs, „und starb dann mit 33 Jahren. Er war ein sehr großer Schriftsteller. Ein seltener.“
Beflügelt also von meinen Bildungsambitionen und der Ahnung, ich könnte in dem jugendlichen homosexuellen Ich-Erzähler einen Seelenverwandten antreffen, kaufte ich mir die drei schlanken Neuerscheinungen und legte sie auf den Stapel.

Burrouhgs hatte im Vorwort zu „Freuden der Jugend“ eine große Menge von Welchs Metaphern zitiert, die in dieser geballten Form etwas prätentiös wirkten: „Aus einem der Turmfenster erhaschte er einen flüchtigen Blick auf die weißen Grabsteine des Friedhofs, die platt auf der Erde zu liegen schienen. Sie kamen ihm vor wie ausgeschlagene Zähne.“ – „Auf dem Wasser wirkten die Blätter wie die bleichen Bäuche von kleinen toten Fischen.“ – „Der Mann hatte ein säuerliches, scharf geschnittenes Gesicht, dessen Farbe und Haut an gekochtes Kalbsbries erinnerten.“ – und viele mehr. Ich war etwas in Sorge, was ich mir da angelacht hatte, so schlimm war es dann aber gar nicht, eingebettet in den Zusammenhang.
Ich las meinen Welch mit Freude und leichten Komplexen: dem Gefühl, in meinem eigenen Coming Out könnte es gern ein wenig bewegter zugehen – vor allem beim Band mit dem bezeichnenden Titel „Jungfernfahrt“.
Diese Lektüre nahm in meinem Leben wohl den Platz ein, der einst bei anderen jungen Leseratten von Proust oder Hermann Hesse belegt worden war.
Es war gleichzeitig eine Art Abschied, denn das Lesen von Romanen und längeren Erzählungen habe ich bald darauf verlernt (im Gegensatz zum Lesen von fast allem anderen) – wie gut, dass inzwischen die Hörbücher in Mode gekommen sind.

Denton Welch werde ich mir in den nächsten Tagen sicher mal wieder selbst vorlesen.

Dieser Beitrag wurde unter Literatur, Monty Arnold - Biographisches veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.