Auch noch dick!*

betr.: 65. Geburtstag von Robbie Coltrane

Wenn das momentane Goldene Zeitalter des Serienfernsehens behandelt wird, heißt es stets, mit den „Sopranos“ habe alles angefangen. Das ist sicher richtig, wenn man die Geschichtsschreibung mit dem Bezahlsender HBO beginnen läßt und sich auf die USA beschränkt. Es gab aber schon Anfang der 90er Jahre eine europäische Serie, die – aus heutiger Sicht – die herrlichen Zeiten vorwegnahm: deren Dramaturgie des großen Romans, ihre Qualität – und scheinbar Nebensächliches: z.B. das mittlerweile zum guten Ton gehörende Element, wichtige Charaktere plötzlich zum Entsetzen des Publikums sterben zu lassen. So etwas geschah bis dato allenfalls, wenn ein Darsteller tatsächlich starb oder eine notwendige Umbesetzung inhaltlich motiviert werden mußte. Der qualvolle Tod des charismatischen Reviervorstehers Christopher Eccleston in „Für alle Fälle Fitz“ war etwas völlig Neues.

Der Originaltitel der Serie „Cracker“ bezieht sich auf die Art, ein Bonbon sofort zu zerbeißen, anstatt es langsam zu lutschen. Ein solcher Kernbeißer war auch der Hauptdarsteller, der schottische Charakterkopf Robbie Coltrane: er spielte einen ketterauchenden, übergewichtigen, spielsüchtigen und auch sonst reichlich lasterhaften Profiler, dessen brillante Leistungen ihn für die Mordermittler in Manchester unentbehrlich machten – zu deren Leidwesen.
„Für alle Fälle Fitz“ war ein Hit!
Zunächst kürzte das ZDF die 75minütigen Folgen um eine halbe Stunde, entfernte also die neben den Kriminalfällen durchgehende Handlung, die alles zu einem großen Ganzen verband. Zum Glück wurde dieses Versäumnis bei der Wiederholung korrigiert, und die Figuren und ihre Verhältnisse konnten sich auch fürs deutsche Publikum so episch weiterentwickeln, wie es sich inzwischen gehört. So erlebten wir nicht nur diverse persönliche Schicksale und berufliche Konflikte sondern auch das Scheitern der Ehe des Helden – ohne uns allzu leicht auf seine Seite schlagen zu können. Auch für die Psychologie der Täter und ihre Milieus wurde sich viel Zeit genommen; ein Fall konnte es auf zweieinhalb Stunden bringen.
So gruselig und verstörend war es im Reihenkrimi bisher nicht zugegangen: Autor Jimmy McGovern hatte seine profunde Kenntnis menschlicher Abgründe auf einer Jesuitenschule erworben, einem Ambiente, das auch Alfred Hitchcock zum Alptraumspezialisten gemacht hatte. 

Nach nur neun Fällen stieg Robbie Coltrane aus der Serie aus, weil er befürchtete, die Qualität der Bücher werde sich nicht halten lassen. (Ich mußte an Diana Rigg denken, die Ende der 60er Jahre unbegreiflicherweise aus „Mit Schirm, Charme und Melone“ ausgestiegen war …) Es wurden noch zwei Specials nachgeschoben, die Coltranes Befürchtungen schon deshalb bestätigten, weil hier auf die vertraute Umgebung der Anson Road und ihr Figurenensemble verzichtet wurde.

In den USA – es waren noch die schlechten alten Zeiten – wurde ein Remake hergestellt und das Konzept entgegen der Überschrift kräftig rundgelutscht: der Held wurde schlanker und umgänglicher, etwas unrasiert und manchmal milde chaotisch, aber nicht gerade lasterhaft, seine Frau ein paar Jährchen jünger, die Ehe unproblematisch. (Es ist immer tragisch, wenn Fernsehmacher den eigenen Witz nicht verstehen!) Den Todesstoß bekam die US-Version aber dadurch, dass nun für jeden Fall nur 45 Minuten zur Verfügung standen.
Robbie Coltrane trat in der letzten Folge dieses Flops als etwas operettenhafter Gast-Gangster auf – und hat nie wieder vor der Kamera eine Rolle gespielt, die ihn so angemessen gefordert hätte wie die des Polizeipsycholgen Dr. Edward Fitzgerald – weder bei James Bond, noch bei „Harry Potter“ noch in „Nonnen auf der Flucht“.

Aber Leute wie David Chase, Vince Gilligan und David Simon dürften „Cracker“ aufmerksam angeschaut haben – das britische Original.

 

* Dies war die hübsche Überschrift von Barbara Sichtermanns Fernseh-Kritik in der ZEIT vom 10.8.1996 zum deutschen Serienstart.

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1 Antwort zu Auch noch dick!*

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