Jetzt mal Grass beiseite!

zum Tode von Günter Grass

Es gehört sich nicht, kritisch über Verstorbene zu sprechen, daher denke ich nur über das über den Verstorbenen Gesagte nach.

Nein, ich finde nicht, dass Er noch gebraucht wird.
Die Figur des Intellektuellen, der eine moralische Vorbildfunktion in unserer Öffentlichkeit einnimmt, ist passé – das mag man auch unabhängig vom jüngsten Trauerfall schade finden, aber so sieht es aus, besonders wenn der Ton nicht stimmt.
Glaubt denn irgendjemand im Ernst, dass sich selbst besonnenere Mitbürger ausgerechnet von einem Piesepampel die Leviten lesen lassen möchten – auch wenn es ein hochdekorierter Piesepampel ist?
Seit ich imstande bin, Interviews zu hören und zu lesen, geht mir dessen weltmüdes prätenziöses Geunke auf den Nerv, das noch jeden vernünftigen Ansatz mit einer hineingedrechselten Selbstgerechtigkeitsadresse abwürgt. In dreißig Jahren habe ich bei ihm nicht ein einziges Mal etwas zu lachen gehabt – was hätte mir da einleuchten oder zu denken geben sollen? Solche Mahner haben bestenfalls den Effekt, ein allgemeines schlechtes Gewissen zu beruhigen.
(Das war das Schöne an Heinrich Böll: da gabs die „Gesinnung immer gratis“ …)

In einer Zeit, in der sich (Grass-)Gedichte nicht mehr reimen müssen, war es immerhin erstaunlich, mit welcher Präzision sich in seinen Texten Mahnung und Eigenlob abwechseln – da staunt der Nano-Mathematiker, und der Leser wendet sich mit Grausen.
Und: taugt überhaupt jemand zum Kritiker, der nicht einmal mit Literaturkritik umgehen kann?

Aber nun mal mit letzter Tinte gefragt: Könnte ein neuer Typus dieses nachkriegsdeutschen Geistesmenschen zum guten Beispiel taugen?
Wo müßte er auftreten? Im Internet – keine Frage!
Und wie? Schimpfend? Gute Ratschläge gebend?
Eine absurde Vorstellung!
So etwas ist einfach nicht auszudenken!
Das ist ein gutes Zeichen!

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