Wir sehen doppelt

betr.: 51. Todestag von Rudolph Maté

Manche Kameramänner werden berühmt, weil sie irgendwann mit Erfolg auf den Regiestuhl wechseln – Stanley Kubrick beispielsweise, Karl Freund oder George Stevens. Andere bringen es zu (nicht ganz so großem) Ruhm, ohne als Regisseure zu arbeiten oder sonderliches Aufsehen zu erregen. Zu dieser Gruppe gehört der Ungar Rudolph Maté.
Er ist zwar zuletzt ebenfalls ins Regiefach abgewandert, aber die Nachwelt bewundert ihn hauptsächlich für seine Arbeit unter Regisseuren wie Carl Theodor Dreyer, René Clair oder Fritz Lang.
Einmal wurde Maté gerufen, um eine zweifache Doppelrolle auf Film zu bannen und Laurel und Hardy ihre eigenen Zwillingsbrüder spielen zu lassen.
Der Film „Our Relations“ entstand gegen Ende der Glanzzeit des Komikerduos. „Die Doppelgänger von Sacramento“, wie er kinderkinogerecht in Deutschland genannt wurde, wird stets gut besprochen, ist auch wirklich hübsch, aber keine Spitzenleistung.
Auch die Kameratricks kommen über die solide Mittelklasse nicht hinaus, aber die beiden Zwillingspaare sind ohnehin fast nie gemeinsam im Bild. In der Schlußszene laufen sie plaudernd nebeneinander her, und ihre Bewegungen sind etwas verklemmt, obwohl die Szene tricktechnisch nicht über die Maßen kompliziert gewesen sein kann – auch nicht für die Verhältnisse von 1936.

Noch ehe man zur Videosammlung hinüberlaufen / bei Youtube auf die Suche gehen kann, setzt das Kopfkino ein und spuckt weitere Zelluloid-Mehrlingspaare aus. Meine beiden ersten sind sehr unterschiedlich – wie auch die Art und Weise, in der sie mir imponiert haben.

Zunächst einmal denke ich da an „Die Unzertrennlichen“, einen Cronenberg-Horrorfilm aus den späten 80ern. Jeremy Irons spielt zwei Gynäkologen. Zusammen sind sie Popstars der medizinischen Welt, irritieren ihre Umwelt aber z.B. dadurch, dass sie mit 40 immer noch zusammen wohnen. Der Autor des einschlägigen Wikipedia-Artikels hat den Film offenbar lange nicht gesehen – oder er war bei der Betrachtung bereits mehr mit dem Verfassen seines Artikels beschäftigt – denn er bescheinigt dem Hauptdarsteller tatsächlich, „kaum Schminke oder Requisiten“ benötigt zu haben, „ um die beiden grundverschiedenen Personen glaubhaft zu machen und ihnen unterscheidbar Leben zu verleihen.“ Handfesteren Grusel als die lahme Irons-Vorstellung bereitete mir die erbärmliche Optik: die beiden Brüder agieren stets in einem betonten Abstand voneinander, und immer spürt man den beschränkenden Einfluß der Tricktechnik auf die Schauspielerführung. Allzuoft wird mit Doubles gearbeitet – was ärgerlich ist, weil der Film mit der seltsamen Nähe der beiden zueinander auch inhaltlich spielt und die Werbung damals ständig auf die dollen Effekte abhob. Nur ein einziges Mal sind Irons und Irons einander wirklich körperlich nahe – und das geschieht auf einem Standbild, in einer Szene, da die Doktores bereits verstorben sind.

Weitaus verblüffender – und das ist kein Witz! – ist die Hauptdarstellervermehrung in „Drillinge an Bord“, 30 Jahre vor den „Unzertrennlichen“ im deutschen Wirtschaftswunder entstanden. Heinz Erhardt macht sich nicht nur schauspielerisch ein persönliches Vergnügen daraus, die drei Rollen voneinander abzusetzen. Er und seine technischen Mitarbeiter necken das Publikum offensiv und einvernehmlich mit ihren Kopierkünsten, besonders in der Szene, in der die drei ihr Outfit vereinheitlichen, um nicht als Drillinge aufzufallen. Selbstverständlich kann der Zuschauer sie auch danach noch mühelos auseinanderhalten. Und im Gegensatz zu seinen amerikanischen Kollegen, geht sich Heinz Erhardt nicht unnötig aus dem Weg.
Mein heutiger Artikel hat eine etwas beschämende Pointe: den Namen des Kameramannes dieser Ausnahmeklamotte habe ich mir nie gemerkt!*

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* Immerhin ist er gut zu finden. Es war Erich Claunigk.

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