Die Saison der Scherzbolde

betr.: 61. Jahrestag der Erstausstrahlung des Hörspiels „War Of The Worlds“ von Orson Welles

Süße Mediensteinzeit: im Jahre 1938 genügte eine Radiosendung des jungen Orson Welles, um in New York und Umgebung eine Massenpanik auszulösen. Das hat sich für ihn zunächst gelohnt – er „ging nach Hollywood“ wie man so schön sagt und bekam dort als Anfang 20jähriger einen traumhaften Filmvertrag.

61 Jahre später um die selbe Zeit, gab es wieder eine medial erzeugte Massenpanik. Sie erstreckte sich über mehrere Kontinente und war dementsprechend etwas dünnflüssiger.
Diesmal ging es nicht um eine Invasion vom Mars sondern um einen Feind im Innern: den „Millennium Bug“.
Es war eine ebensolche Luftnummer wie der Hype um das Hörspiel, und auch er hat sich rentiert. Die Stützen der Gesellschaft (Politiker, Universitätsprofessoren, Wissenschaftler, Programmierer und Fachautoren, die Computercrashpornos auf den Markt warfen) entkamen damit für eine Weile ihrer Bedeutungslosigkeit und verdienten sich währenddessen doof und dusselig. Ihre Drohung lautete: “Wenn die Uhren am 31.12.1999 das Ende unseres Jahrhunderts ankündigen und den Jahrtausendwechsel einläuten, läuft auch unerbittlich der Countdown ab, den Computerfachleute seit Jahrzehnten ignorieren: viele Computersysteme werden nicht in der Lage sein, das Jahr 2000 vom Jahr 1900 zu unterscheiden. Die Folge: der permanente Zusammenbruch vieler für unsere Stromversorgung und andere zentrale Bereiche des täglichen Lebens zwingend notwendigen Systeme.“
Wie man sich erinnert, passierte nicht das Geringste, und die Welt war derartig erleichtert, dass sich niemand über die Verarsche beschwert hat.

Orson Welles’ Halloweenscherz hingegen hat sich letztendlich böse gerächt. Zunächst einmal modellierte er seinen finsteren Protagonisten nach einem der größten und empfindlichsten Medienmogule der USA, was ihm einen mächtigen Feind einbrachte. Noch schlimmer war: der Film, den er da unter paradiesischen Bedingengen gedreht hatte, war so gut, dass er mit seinen späteren (teilweise brillanten) Arbeiten zu solcher Höhe nie wieder hinaufkam.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Gesellschaft, Medienkunde, Medienphilosophie abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.