Scherz, Satire, Ironie und Doppelzwinkersmiley

betr.: 114. Geburtstag von Werner Finck

Unter anderem René Descartes wird der Ausspruch zugeschrieben: „Nichts ist so gerecht verteilt wie der gesunde Menschenverstand. Niemand glaubt, mehr davon zu brauchen als er hat.“ Mit der Ironiebegabung ist es ähnlich. In einer Umfrage bezeichnet sich niemand als humorlos oder in Humorfragen begriffsstutzig. Dabei wurde in einigen dieser Untersuchungen, die regelmäßig angestellt werden, das Gegenteil herausgefunden: von allen Begabungen (Augenmaß und räumliche Wahrnehmung, musikalisches Verständnis, Orientierungssinn, Namensgedächtnis …) ist jene, Ironie zu verstehen, am wenigsten verbreitet.
Ich persönlich mache vor allem im öffentlichen Dienst schlimme Erfahrungen damit. Meine gelegentlichen Scherze beim Abwickeln kleinerer Einkäufe oder dem Einholen von Auskünften werden fast ausnahmslos mißverstanden und mit grimmigen Gesichtern als Beleidigungen gelesen. In meine Lieblingsbäckerei traute ich mich nach einem harmlosen Bärlauch-Witz tagelang nicht hinein, mein Tee-Lieferant auf dem Wochenmarkt fand mein letztes aufrichtiges Kompliment gar nicht komisch – es war verpackt in mein Erschrecken über seinen sehr kurzfristig angekündigten Urlaub.
(Als ehemaliger Kabarettist muß ich hier natürlich auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, etwas aus der Übung zu sein.)

Im Verkehr der täglichen Kurznachrichten ist Ironie eine ganz aussichtslose Sache. Hier kann sie überhaupt nicht funktionieren – Begabung hin oder her –, wird aber pausenlos getätigt, weil nun einmal alle gern witzig sein möchten. Das Lachen darüber übernehmen immer ausgetüfteltere Grinselogos, die gleich mitgeschickt werden.

In einem Punkt staune ich immer wieder über die humoristische Empathie meiner Mitmenschen. Wenn sich aus ihnen ein Kabarett- oder Comedypublikum formt, sind die allermeisten nicht nur wild entschlossen, das Produkt dankbar anzunehmen, sie spüren den Witz sogar dort auf, wo er gar nicht wirklich sitzt sondern nur vorgesehen ist. Dann reagieren sie freiwillig – denn selbstverständlich müssen sie darüber nicht im literarischen Sinne lachen. Sie tun es aus Höflichkeit: „Ah – der Künstler hat ‚Merkel‘ gesagt. Ich kenne diesen Namen. Da wir hier im Kabarett sind, muß gerade ein Pointenversuch gemacht worden sein! Dann will ich mal mitspielen und reagieren. – Na sowas! Die anderen tun es ja auch!“ – „Die Freundin des Komikers braucht also immer sehr lange im Bad! – Soso. Ich habe schon davon gehört, dass Frauen im Bad lange brauchen. Da muß was dran sein. Wenn ich mal wieder eine Freundin habe, prüfe ich das sofort nach. Inzwischen will ich keine Spaßbremse sein! Haha, guter Witz!“

Vielleicht suchen sich die Leute aber auch mit Absicht solche Veranstaltungen heraus. In der Öffentlichkeit einen wirklich üblen Lach-Flash zu kriegen, weil man sich leichtsinnigerweise in die Aufführung eines wirklich guten Unterhalters hineingetraut hat, ist möglicherweise ein bißchen peinlich. Tränen zu lachen ist schließlich ein sehr privater Vorgang. Ich habe bei mehreren besonders schlimmen Lachanfällen (auch im Kino) manchmal das Gefühl gehabt, bei einem Galakonzert zu stören.
Auch körperlich ist wirklich heftiges Gelächter nicht ungefährlich.
Orson Welles erzählte Peter Bogdanovich einmal von einem Theaterbesuch. Ein anderer Zuschauer wurde so ausdauernd von einem Lachanfall geschüttelt, dass er schließlich von der Ambulanz fortgeschafft werden mußte. Er hatte sich buchstäblich krankgelacht. Welles hat mit diesem Phänomen auch selbst Bekanntschaft gemacht. Beim Besuch des Films „The Ladies‘ Man“ erlitt er nach eigener Aussage beinahe einen Herzanfall vor Lachen, als Jerry Lewis versucht, einem Gangster einen Hut aufzusetzen.

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