Old Economy

betr.: 197. Geburtstag von Jacques Offenbach

Wann immer sich Geschichte wiederholt, wird es ungemütlich für die Menschheit. Dazu gesellt sich noch die Schmach, wieder einmal nicht aufgepasst bzw. die Geschichtsbücher nicht sorgfältig gelesen zu haben. Die aktuelle Wirtschaftskrise funktionierte nach dem gleichen Muster wie der Börsencrash von 1929, und schon dieser wäre nicht nötig gewesen. In der Weltliteratur des 19. Jahrhunderts finden sich recht präzise Hinweise auf die Tücken des kapitalistischen Systems – bei Emile Zola etwa in „Das Geld“ oder bei Gogol in „Die toten Seelen“. Zu diesen heiteren Propheten des Untergangs gehört auch Jacques Offenbach.
Für das Pariser Publikum von 1969 waren „Die Banditen“ dessen letzte große, bedeutsame Operette. Ungeachtet ihrer gewohnten Schmissigkeit und satirischen Treffsicherheit, handelt es sich um ein Krisenwerk. Es brodelte in Offenbachs Privatleben wie auch in der Politik.

KassierercoupletGustaf Gründgens‘ „Kassierercouplet“ aus den „Banditen“ von 1932. (Text und komplette Noten weiter unten als PDF.)

Seit 1855 hatte Meister Offenbach ununterbrochen Werk um Werk vorgelegt. „Die Banditen“ waren seine 74. Operette, und er bekannte in einem Brief „der kleinen Refrains“ müde zu sein. Zwischen ihm und seinen berühmten Librettisten machte sich gereizte Stimmung breit. Meilhac und Halévy wandten sich von ihm ab und liefen ausgerechnet zu einem seiner Schüler über, Georges Bizet, um gemeinsam die „Carmen“ zu erschaffen.

Die Zuschauer hatten unter dem Ärger hinter den Kulissen nicht zu leiden. „Les Brigands“ spiegelt auf amüsante Art die in der Luft liegende gesellschaftliche Spannung wieder.
Frankreich wurde von gewaltigen Finanzskandalen erschüttert. Arbeiterunruhen und republikanische Strömungen bekamen Aufwind, auch die Revanchisten witterten Morgenluft. Tatsächlich sollte das Zweite Kaiserreich nur noch ein knappes Jahr weiterexistieren.
Die Handlung zeigt uns altmodische italienische Räuberbande, die aus dem Klassiker von Offenbachs Vorbild D. F. E. Auber „Fra Diavolo“ entsprungen sein könnte. Die Banditen verkleiden sich als Angehörige einer wichtigen Delegation aus Granada, um das diesen zugedachte Geld selbst zu kassieren. Leider ist am verabredeten Ort nichts mehr zu holen, weil ein betrügerischer Finanzminister längst alles durchgebracht hat. Unsere Titelhelden fügen sich in die Erkenntnis, dass die Ganoven von Börse und Politik längst viel effektiver sind als die traditionellen Wegelagerer. Das Publikum von damals begriff diese Botschaft, die auch uns heute wieder sehr einleuchtet – in einer Zeit, in der die Grande Nation wiederum keine gute Figur macht.
Die feschen Polizisten der Operette, die sehr schneidig zu marschieren wissen, aber niemals dort auftauchen, wo man sie brauchen könnte, wurden zum vielzitierten Symbol des untergehenden Kaiserreichs.

In der legendären Inszenierung von 1932 an der Städtischen Oper Berlin spielte Regisseur Gustaf Gründgens den Finanzminister. Das von ihm vorgetragene „Kassierercouplet“ war jedoch nicht das der Originalfassung, sondern eine interpolierte Nummer als Offenbachs allerletzter Operette „La belle Lurette“. (Es handelt sich um eine freie Bearbeitung des „Statistik-Couplets“ aus dem 1. Akt.)

Couplets de la Statistique_La Belle Lurette  (Noten als PDF)
Augenblick!
(Offenbach/Meilhac/Halévy/Gründgens)
Aus „Les Brigands“

(gesprochen)
Ob Sie’s glauben oder nicht – ich bin als Finanzminister das Opfer weiblicher Putz-Sucht! Die lieben guten Damen haben mir den Staatsschatz einfach weggeputzt! In der Staatskasse befinden sich jetzt nur noch eintausendzweihundertunddreiundachtzig Gulden und 25 Kreuzer! Und damit soll ich drei Millionen decken – und ich kenne sie, diese Granadier! Die werden sich nicht abspeisen lassen! Die werden ihre drei Millionen haben wollen!
Was also beginnen? Wie mach… – Halt, ich hab’s!

(Musik setzt ein)
Ich werde dem Mann, der das Geld in Empfang nehmen soll, einfach einen Tausender
in die Hand drücken. Wenn er ein Mann von Intelligenz ist, wird er mich verstehen!
Und bei einem Tausender braucht er ja gar nicht sooo intelligent zu sein!
Ist er aber dummerweise ein Mann von Ehre, dann allerdings …

(Gesang)
Ach, ich muß es mir eingesteh’n, dass meine Lage peinlich ist!
Mein Gott, was wird mit mir gescheh’n, wenn mein Partner kleinlich ist?
Ach – all das Gold, dass er hier sich verspricht, hab ich nicht! Ich hab es nicht!
Mein Gott, wie sage ich’s ihm nur, dass von Gold hier keine Spur?
Aber so schlimm kann es schwerlich sein, gerade er wird doch nicht ehrlich sein!
Gerade er soll ehrlich sein? Gerade er?

(gesprochen)
Ich meine, heutzutage, wo doch schließlich alle … naja, wenn auch nicht alle, aber
doch sehr viele … naja, wenn auch nicht sehr viele, aber doch schließlich jeder, da
sollte ausgerechnet ich an jemanden gekommen sein, der nicht …?
Augenblick!

(Gesang)
Refrain:
Augenblick, wir wollen schnell mal überlegen!
Augenblick, Sie haben doch wohl nichts dagegen?
Augenblick, man soll sich nicht umsonst erregen!
Augenblick, nur in der Ruhe liegt der Segen!
Mein Gott, was kann einem denn schon groß passieren?
Irgendwie kann man sich immer durchlavieren!
Irgendwie kann man doch alles arrangieren!
Bitte nur nicht immer gleich den Mut verlieren!

Ich glaub‘ nicht, dass mir was passiert!
Im Grund ist alles ganz egal,
wo jeder Mann von Welt operiert,
mit nicht vorhand’nem Kapital!
Ja!
Wer nichts hat, braucht nur etwas zu gründen,
sich mit renommierten Herrn,
die auch pleite sind, verbünden –
und das nennt man dann Konzern!
Man verschleiert geschickt die Bilanzen –
wer sich sträubt, wir korrumpiert!
Was kümmern uns denn die Finanzen?
Hauptsache ist, wir sind saniert!

(gesprochen)
Und darauf kommt es doch schließlich an! Der Schein muß gewahrt werden!
Mundus vult decipi! Die Welt will betrogen sein!
Das heißt, wer ist eigentlich die Welt, die da betrogen sein will?
Sind das wir?
Bin das ich?
Augenblick!

(Gesang)
Refrain:
Augenblick, wir wollen schnell mal überlegen!
Augenblick, Sie haben doch wohl nichts dagegen?
Augenblick, man soll sich nicht umsonst erregen!
Augenblick, nur in der Ruhe liegt der Segen!
Mein Gott, was kann einem denn schon groß passieren?
Irgendwie kann man sich immer durchlavieren!
Irgendwie kann man doch alles arrangieren!
Bitte nur nicht immer gleich den Mut verlieren!

Ja, so ist das mit dem Geld,
das unter Land und Leute rinnt!
Wo steckt es denn in aller Welt,
da alle Menschen pleite sind?
Irgendwohin muß es doch gerollt sein,
doch wohin? Sagt mir: wohin?
Irgendwohin muß doch all das Gold sein –
das will mir nicht aus dem Sinn!
Wohin hat man’s denn nur unterschlagen?
Das muß doch rauszukriegen sein!
Das Eine will ich Ihnen sagen:

(gesprochen)
Da müßte man mal, ich meine wirklich, also ganz im Ernst!
Da müßten alle gemeinsam, müßte man das mal aufdecken, denn wir haben ja
schließlich unsere Börsen, unsere Banken, unsere Sparkassen, Kreditinstitute, wir
haben Wirtschaftshilfe, wir ha…
Wirtschaftshilfe!
Augenblick!

Refrain:
(Gesangstext gesprochen über Musik)
Wir wollen schnell mal überlegen!
Sie haben doch wohl nichts dagegen?
Man soll sich nicht umsonst erregen!
Nur in der Ruhe liegt der Segen!
(Gesang)
Mein Gott, was kann einem denn schon groß passieren?
Irgendwie kann man sich immer durchlavieren!
Irgendwie kann man doch alles arrangieren!
Fang’wer lieber nicht erst an, zu diskutieren!

Diese Nummer hat sich als dennoch als Glanzlicht der „Banditen“ behauptet. In den 70er Jahren wurde sie von Theo Lingen gecovert – in einer Phase des trügerischen Friedens der Finanzmärkte. 

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