Raserei

betr.: 89. Geburtstag von Barry Foster

Im vorletzten Film meines Lieblingsregisseurs Alfred Hitchcock gibt es allerhand zu erleben: der Vorspann ist als Triumphmarsch in Szene gesetzt. Ron Goodwins majestätische Ouvertüre (die ein wenig an „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ erinnert) läßt den unterdessen in Hollywood zu Ruhm gekommenen Sohn Londons die Themse entlang quasi aus den Himmeln herabschweben. Im richtigen Moment öffnet sich sogar die Tower Bridge. Hitchcock hatte sich diesen Krönungsmarsch redlich verdient.
Nach einer kleinen Reihe von kommerziellen Reinfällen kam der „Master“ noch einmal mit einem Riesenerfolg zurück, und das auf der Höhe der Zeit. Der Held ist nicht länger attraktiv und anheimelnd („Dass er das ihm zur Last gelegte Verbrechen nicht begangen hat, ist beinahe das einzige, was für ihn spricht“, schrieb ein kluger Rezensent), auch die Frauen sind keine Schönheiten mehr – was sie nicht davor bewahrt, in den Focus eines Lustmörders zu geraten. „Frenzy“ – die Bezeichnung für den Furor dieses Mörders – ist modern, streckenweise urkomisch und (wie sich das gehört) voller Suspense.

Trotzdem werde ich mir diesen Film wahrscheinlich nie wieder ansehen, und das hat mit der Leistung von Barry Foster zu tun.
Einige von Hitchcocks Biographen störten sich an der ruchlosen Deutlichkeit, mit der der zentrale Mord des Films in Szene gesetzt ist. Eine Heiratsvermittlerin wird an ihrem Arbeitsplatz vergewaltigt und dabei stranguliert, während ihre Vorzimmerdame in der Mittagspause ist. Zunächst glaubt das Opfer, sie würde lediglich von einem ihrer sexuell frustrierten Kunden misshandelt – grauenhaft genug –, doch als ihr Peiniger die Krawatte abnimmt, begreift sie, dass sie sterben wird: immerhin beherrscht dieses Mordrequisit seit Monaten die Schlagzeilen. Nachdem sie kurz um ihr Leben gefleht und beim Blick in die Fratze ihres Peinigers die Aussichtslosigkeit ihrer Lage eingesehen hat, beginnt sie, einen Psalm zu beten, während Barry Foster röchelnd auf ihr liegt, sie würgt und unentwegt quasselt. Als das Ende kommt, sehen wir ihre erstarrenden Augen in Großaufnahme, und im nächsten Bild ihre heraustretende Zunge. Erwürgte Menschen werden im Film fast nie – auch nicht seither – so realistisch abgebildet, eine stille Übereinkunft der Traumfabrik mit dem Zuseher, über die sich Hitchcock hier treffsicher hinwegsetzt.
Bevor der schwer atmende Mörder verschwindet, beißt er noch krachend in einen Apfel, den er im Büro gefunden hat.

Dies war meine erste Begegnung mit einer ausführlichen, glaubhaften Darstellung physischer Gewalt. Einige Zeit später sah ich mir den Film nochmals an, um mir die Möglichkeit eines gewonnenen Abstands zu geben, aber meine Reaktion wiederholte sich.
Diese Filmsequenz trieb mich lange Zeit ähnlich um, wie es Zeitzeugen vom berühmten Duschenmord in „Psycho“ berichtet haben. Auch in Zeiten, in denen wir täglich mit den Resultaten religiöser Bemühungen in Kriegsgebieten und vollbrachten Attentaten im Herzen Europas konfrontiert werden, graust es mir bei der Erinnerung an diese Szene.

„Frenzy“ ist ein Meisterstück, keine Frage. Die Beseitigung der Leiche seines nächsten Opfers treibt den Krawattenmörder in eine von Hitchcocks berühmtesten Szenen hinein, eine Nachtfahrt, bei der hauptsächlich Kartoffeln befördert werden. (Die Filmmusik zu Beginn dieser Sequenz ist eines meiner absoluten Lieblingsstücke der Filmmusik.)
– Es hilft alles nichts.

Hitchcocks nächster und letzter Film „Familiengrab“ ist erheblich warmherziger und ein weiteres gelungenes Beispiel für die so selten glückende Kombination von Spannung und Slapstick, aber er wurde allgemein als unwürdiger Abschiedsfilm für diesen Regisseur erachtet. Der Veit Harlan-Biograph Frank Noack (den ich zutiefst bewundere) erblickte in „Familiengrab“ gar einen Beleg dafür, dass Hitchcock zuletzt senil gewesen sei – eine steile These!
Das einzige, was man diesem Film vorwerfen kann, ist, dass er nicht „Psycho“ ist (oder „Citizen Kane“ oder oder oder…). Ich glaube, ich habe ihn mir mit am häufigsten immer wieder angesehen – und das hat nichts mit Barry Foster zu tun – mit der Abwesenseit von Barry Foster.

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