Ozymandias im Kino

betr.: 112. Geburtstag von Graham Greene / Spoilerwarnung

Neben Tennessee Williams dürfte Graham Greene jener Schriftsteller sein, der mit den diversen Verfilmungen seiner Bücher insgesamt das größte Glück gehabt hat. Aber Greene war einmal Filmkritiker, und das wird seinen Blick auf diese Erzeugnisse nicht milder gemacht haben.
Für den angesehensten seiner Filme hat er das Drehbuch selbst geschrieben, den Nachkriegsklassiker „Der dritte Mann“.
Der Titelheld Harry Lime tritt erst gegen Ende auf, und sein Darsteller litt unter chronischem Geldmangel, obwohl er keine zehn Jahre zuvor den „besten Film aller Zeiten“ gedreht hatte. Er sollte für den Rest seines Lebens diesen Mangel leiden und mit dieser Rolle identifiziert und beim Betreten öffentlicher Plätze immer wieder mit deren Erkennungsmelodie begrüßt werden. Rächen wird er sich, indem er diese Schurkenrolle später noch in einer Hörspielreihe ausmelkt.
Dieser Mann, der Schauspieler Orson Welles, hat dem Drehbuch von Mr. Greene eine kleine Passage hinzugefügt, die besonders beliebt wurde. Nach einer Fahrt auf dem Riesenrad im Prater, das noch zerbombte Wien zu seinen Füßen, sagte er zu einem Mann, mit dem er auch im wirklichen Leben befreundet war: „Nun sei nicht so trübsinnig, Holly. Ist alles halb so schlimm. Denk daran, was Mussolini gesagt hat: in den dreißig Jahren unter den Borgias hat es Terror gegeben, Mord und Blut. Aber es gab auch Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, fünfhundert Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr! Adieu, Holly!“

Es gab noch eine andere Passage in diesem Film, die mich faszinierte – immer mehr, je häufiger ich den Film sah. Der Prolog zu Beginn ist betont subjektiv gehalten, die stimmungsvolle Ansprache eines großen Plauderers – der danach verstummt und nicht wieder in Erscheinung tritt.
Zum Verehrer Graham Greenes machte mich jedoch eine Kurzgeschichte mit dem Titel „All But Empty“. Sie wurde 1947 (um die Zeit des „dritten Mannes“) für das „Strand Magazine“ verfasst und Anfang der 70er Jahre glücklicherweise in eine Anthologie aufgenommen. Ich weiß sogar noch den Augenblick, an dem sich diese Verehrung vollständig einstellte. Es war, als ich die letzten Worte der Geschichte las.

Der Ich-Erzähler pflegt regelmäßig ein heruntergekommenes Londoner Kino aufzusuchen, das nur Stummfilme zeigt. Nicht frei von Masochismu, pflegt er dort in der Stille der zwielichtigen Finsternis zu sitzen und es zu genießen, dass dieser Ort „beinah leer“ ist (so der deutsche Titel der Geschichte). Bei einem dieser Besuche setzt sich jemand ausgerechnet neben ihn, obwohl er doch weiß Gott genug andere freie Plätze zur Auswahl hätte: ein schmuddeliger Mann mit einem feuchten Bart. Er beginnt, wirres Zeug zu reden, Satzfetzen wie „Keiner kann erwarten, dass ich was sehe. Nicht nach dem, was ich gesehen habe!“ oder „Von einem Ohr zum anderen!“
Der Held schleicht sich schließlich nach draußen, um die Polizei anzurufen, denn ihm fällt ein, dass sich heute morgen in der Stadt ein Mord ereignet hat. Von der Telefonkabine im Foyer des Kinos aus behält er den Vorhang zum Zuschauerraum im Auge, hoffend, dass der seltsame Alte ihm nicht folgt. Man bittet ihn, in der Leitung zu bleiben.
Da erblickt er den unangenehmen Kerl, der wankend den Vorhang beiseite schiebt. „Beeilen Sie sich!“ ruft er ins Telefon. „Der Mörder ist hier!“ Die Antwort lautet: „Den Mörder haben wir ja! Die Leiche ist weg!“

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