Fidelio

betr.: 73.Todestag von Fats Waller, 50. Todestag von Walt Disney

Die Idee liegt nahe, sich beim Hörgenuss eine möglichst originalgetreue Wiedergabe zu wünschen – aber was hat man sich darunter vorzustellen?
Seit einigen Jahren ist dank mp3 und der allzeitigen aber datenreduzierten Verfügbarkeit von Musik die Klangqualität wieder rückläufig (- vorübergehend…).
Davor ging es gut hundert Jahre lang immer nur aufwärts mit ihr. Welchen unermesslichen Aufwand musste man früher in Tonstudios betreiben? Furtwängler sträubte sich wegen der schlechten Qualität lange Zeit gegen jedwede Aufzeichnung. Toscanini widerum mochte den Stereoton nicht – und damit stand er in der Tonträgergeschichte nicht alleine da.

Walt Disney aber – überhaupt ein technischer Visionär der konsequentesten Sorte – gehörte zu denen, die diese Entwicklung gar nicht abwarten konnten. Entschlossen, den Stereoton ebenso freudig zu begrüßen wie er es schon mit dem Tonfilm getan hatte, ließ er schon in den 30er Jahren den Soundtrack für seinen zweiten abendfüllenden Trickfilm „Pinocchio“ mehrspurig aufzeichnen, da er davon überzeugt war, es müsse irgendwann möglich sein, diese Spuren auch getrennt voneinander für das Publikum wiederzugeben.
Mit der Ablösung der Schellackplatte durch die Langspielplatte aus Vinyl wurde der Stereoton auch für den Musikfreund zu Hause zum Standard. Aber dies war keine Revolution über Nacht, es war ein mählicher Übergang, von dem längst nicht alle klassischen (siehe oben) und Pop-Musiker überzeugt waren. Noch 1966 entschied sich Brian Wilson, das legendäre Beach-Boys-Album „Pet Sounds“ in mono aufzunehmen – einerseits, weil damals noch die meisten Alben mono waren, aber auch weil er meinte, mit stereo könne man nicht genau genug kontrollieren, wie der Sound beim Hörer ankommt. Schon das Risiko, dass der seine Boxen vielleicht im falschen Abstand voneinander aufstellt und damit das ganze Klangbild kaputtmacht, war Wilson zu groß.

Als vor knapp 35 Jahren die CD die Runde machte, waren jene rasch zur Stelle, die die größere Wärme und Lebendigkeit der analogen Langspielplatte anmahnten. Dennoch rechnete wohl niemand ernsthaft damit, dass die Schallplatte sich bis ins dritte Jahrtausend halten und ihre Verkaufszahlen sogar wieder steigen würden.

Dass kristallklarer Sound nicht der Weisheit letzter Schluss sein könnte, bemerkte ich, als mir eine LP mit den Schellack-Aufnahmen von Fred Astaire in die Hände fiel. Zum ersten Mal bemerkte ich, welch ein großer Sänger dieser Mann ist, dessen Stimme ich bis dato beim gleichzeitigen Genuss seiner Tanzkunst buchstäblich übersehen hatte.
Bei keinem anderen Entertainer der Grammophon-Zeit fällt es mir so schwer, ihn mir in Hi-Fi vorzustellen wie bei  Fats Waller. Natürlich haben die Musiker der damaligen Zeit gewusst, wie die seinerzeitige Technik ihren Sound verändert, und sie haben ihre Arrangements bzw. ihren Gesangsstil darauf ausgerichtet. (Es wurden sogar eigens für die frühe Mikrofontechnik Musikinstrumente konstruiert, die sonst nie wieder Verwendung fanden – wie die legendäre Strohgeige). Fats Wallers Musik klingt, als ob er sich in diese Sphäre mit besonderem Gusto hineingefühlt hätte. Einen Beweis dafür gibt es freilich nicht, aber mein Verdacht erhärtete sich, als ich seine Musik im Cast Recording des Musicals „Ain’t Misbehavin‘“ wiederhörte, in dem sich sehr hingebungsvoll bemüht wird, sein Idiom zu rekonstruieren. Es gelingt famos – und es ist zugleich vollkommen aussichtslos.

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