Der Song des Tages: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“

betr.: 267. Todestag von Johann Sebastian Bach

Rückblickend erscheint es mir, als habe meine Mutter im Handumdrehen etwas geschafft, was mir bis zuletzt nicht gelungen ist: sie wurde von der Fremden gegenüber naturgemäß misstrauischen Dorfgemeinschaft, in die es uns in meinen Kindertagen verschlagen hatte, nicht nur akzeptiert, sie stieg sogar zur beliebten Leiterin des Kirchenchores und Interpretin der Orgel auf. Sie war buchstäblich die wichtigste Frau im Ort. Und das – wie gesagt – überaus flott. Das kann nicht nur an ihren musikalischen Fähigkeiten gelegen haben, denn man machte ihr nicht einmal die Unkenntnis des regionalen Dialektes zum Vorwurf, worauf in meiner Grundschulklasse die Höchststrafe stand.
Das Amt meiner Mutter ermöglichte mir, die Heiligabendmesse auf der Empore zu verbringen. Ich blickte von oben ins abgedunkelte Kirchenschiff, der Chor hinter mir sang: „Tochter Zion hört die Wächter singen …“ – das war ganz großes Kino.
Diese Darbietung schnürte mir die Kehle zu und machte mir klar, wie es der katholischen Kirche jahrhundertelang gelungen, solche Macht über die Menschen auszuüben. Unsere kleine Dorfkirche weitete sich in meinem Herzen zum Amphitheater, zu einem Son et lumière in der Finsternis.

Bald darauf ist mir Tochter Zion noch einmal begegnet – und war nicht wiederzuerkennen. Ich erinnere mich, dass der Pastor uns Schulkindern dieses Lied beibringen wollte und dass er große Probleme mit der hinkenden Poesie des Materials hatte. Er wollte uns unbedingt davon abhalten „wo seid ihr klugen Jungfrau-häään“ zu singen, „ihr klugen Ju-hung-fraaaun“ müsste es nämlich heißen.

In den letzten Jahren habe ich ein paar Mal versucht, diese denkwürdige Heilige Nacht nachzuerleben, wenigstens ein ganz kleines bisschen. Von Proust wissen wir, wie tosend und wabernd die Wogen der Erinnerung wüten, wenn der Druck aufs richtige Knöpfchen sie
entfesselt. Da ich in puncto Kirchenmusik nur sehr zufällig sortiert bin, suchte ich im Netz nach einer Aufnahme von „Wachet auf, ruft uns die Stimme“.
Keine gefiel mir.
Ich weiß, dass unser Kirchenchor gut proportioniert war, erinnere mich an ein, zwei fabelhafte Solisten und weiß, dass Mutti den Laden überdies sehr gut im Griff hatte, doch auf eine solche Enttäuschung war ich nicht gefasst. Die verfügbaren Aufnahmen wirkten allesamt blutleer und bürokratisch auf mich, missverstanden, eine Pflichtübung, keine Spur von Hosianna.
Kann es sein, dass meine Erinnerung mich trügt? Schließlich mag meine Mutter Bach ja gar nicht besonders – sie zieht Händel vor. War es damals auf der Empore vielleicht doch nicht sooo doll? Spielt mir mein leicht entflammbares Kinderherz vielleicht einen späten Streich?
Nie im Leben!
Ich bin damals Zeuge einer ganz besonderen Umsetzung geworden, die vielleicht sogar den ollen Bach gerührt hätte.
Es war wohl einer dieser unwiederholbaren Kunstgenüsse, die das Leben mitunter bereithält.

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