Weynand und die Zone

betr.: 56. Jahrestag des Baubeginns der Berliner Mauer

Weynand  war noch ein halbwüchsiges Bürgerchen der hinlänglich beschriebenen Bonner Republik mit ihren griffbereiten Nutellagläsern, rein öffentlich-rechtlichen Samstagabendshows, ihren selbstklebenden Prilblumen und selbstklebenden Sammelbildchen. Der Junge Weynand hasste das Leben auf dem Dorf – obwohl ihm eine Alternative persönlich nicht bekannt war. Er mochte das Familienleben nicht – obwohl ihm bewusst war, dass er als Schulkind schwerlich einen eigenen Haushält hätte führen können. Er litt unter seiner schulischen Außenseiterrolle – war aber insgeheim der Meinung, dass es die anderen waren, die sich letztlich alle auf dem Holzweg befanden – mit ihrem Jungsverhalten, ihrem Glorifizieren eines rumpeligen Dialektes als alleinigem Verständigungsmittel, ihrer Ablehnung alles nicht Physischen … – und es ihm insofern recht geschah. An Widersprüchen herrschte in seinem Leben wahrlich kein Mangel.
Irgendwo inmitten all dieser winzigen Dörfer, von denen er eines bewohnte, gab es so etwas wie eine Stadt, in der er Linderung seiner Pein vermutete. Er glaubte fest daran, dass er in dieser Umgebung das Vertrauen auf eine Zukunft fassen könne, die jenseits der gegenwärtigen Verhältnisse lag.
Leider konnte er nur mit einem öffentlichen Verkehrsmittel dort hingelangen. Sobald er in das Alter kam, da an eine solche Reise zu denken war, machte er sich an einem schulfreien Samstag auf den Weg, um sich den Wind einer Perspektive um die Nase wehen zu lassen. Er bestieg eines dieser schnaufenden, behäbigen Untiere und rollte etwa mit Schrittgeschwindigkeit davon.

Natürlich hatte er schon zuvor hin und wieder einen Blick auf den Fahrplan geworfen, wenn er auf den Schulbus wartete. So ein Schulbus war ein völlig anderes Fahrzeug als der Linienbus, in dem er jetzt saß, denn er beförderte ihn und die anderen Kinder ja nur von einem Schauplatz der Normalität zum zweiten und wieder zurück.
Von der verstohlenen Lektüre der Busverbindungen wusste Weynand, dass es nur sehr wenige gab und dass der Weg in die Stadt auf verwickelten Umwegen erfolgte. Das verbilligte die Sache für das Fuhrunternehmen, bedeutete aber für den Fahrgast langes Ausharren.

Weynand haderte mit dieser Schikane, und sie gab seiner Verdrossenheit neue Nahrung. Er musste aber, als er endlich auf dem Weg war, feststellen, dass der Bus – trotz der abholungsbedingten Umwege und seiner orchideenhaften Seltenheit – so gut wie unbesetzt war. Da es in der südwestlichen Einöde kaum andere Verkehrsteilnehmer gab, auf die der Busfahrer hätte achten müssen, wagte er es, diesen anzusprechen – obwohl ein gut lesbares Schild mahnte, dies während der Fahrt zu unterlassen.
Es sprudelte aus dem Kind, das zu Hause wenig Ansprache hatte, nur so heraus: es sei doch entsetzlich, wie schlecht man ohne eigenes Kraftfahrzeug von hier wegkäme – zumal die Busse auch noch unpünktlich seien und mitunter gar nicht erst auftauchten …
Weynand hatte das Glück, in seinem Chauffeur an einen gemütvollen Philosophen geraten zu sein, der seinem Klagelied zunächst freien Lauf ließ, um es dann umso gründlicher zu beantworten.
Er, der Busfahrer, sei Teil eines Ökosystems, begann er seinen Vortrag. Um die Menschen daran zu hindern, diesem ohnehin dünn besiedelten Landstrich vollends den Rücken zu kehren und „ins Reich“ auszubüxen, also in den restlichen Teil der noch unvereinigten Heimat, müsse es diesen möglichst schwer gemacht werden, sich – wenn auch mit Rückfahrschein – überhaupt von hier wegzubewegen. Bereits die Ahnung, dass es anderswo eine Alternative zu ihrer tristen Existenz geben könne, müsse mit Weitblick untergraben werden, milde und gewaltfrei, nachhaltig und systematisch. Er verwies auf die kommunistische Diktatur etwas weiter östlich, die eine bewachte Grenze brauchte, um ihre Schäfchen zusammenzuhalten, ein absurd aufwendiges Gebilde, an dessen Rändern sogar geschossen wurde, wenn es ein Fluchtwilliger wirklich wissen wollte. Was für ein barbarischer Unsinn, welch eine Verschwendung! Er und seine Kollegen bei den örtlichen Busunternehmen würden es auf die sanfte Tour schaffen, das Volk beisammenzuhalten.
Wie wirkungsvoll diese Taktik sei, ließ sich ja schon daran ablesen, dass selbst die raren regionalen Reise-Angebote kaum genutzt würden – die heutige Leerfahrt sei ja ein Beleg dafür. Der Erfolg des Unternehmens lag in der Produktenttäuschung.
Er schloss mit der zufriedenen Feststellung, dass die Bevölkerung inzwischen mürbe geworden sei und sich in ihr Los gefügt habe. Weynand sei eine Ausnahme, die sich verkraften ließe. Es läge wohl an seiner „blühenden Fantasie“ und seinem „mangelnden Desinteresse“, an Fehlern also, die erfahrungsgemäß nur im Kindesalter aufträten und die – wie die Jugend selbst – mit jedem Tag geringer würden.

Weynand bedankte sich für die Offenheit und setzte die Fahrt in einer besinnlichen Stimmung fort, die langsam in Trotz und den festen Vorsatz umschlug, diesen Fehler nicht geringer werden zu lassen.

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