Die geliebte Stimme

betr.: 71. Jahrestag der Uraufführung von „Die Mörder sind unter uns“, dem 1. deutschen Nachkriegsfilm

Heute ist es eher unüblich, dass SynchronsprecherInnen auch vor der Kamera agieren. Das hat verschiedene Gründe, zum Beispiel den, dass das Schauspielern am Mikrofon und das mit Stimme und Körper zwei völlig unterschiedliche Fertigkeiten sind, die nur selten in einer Person zusammentreffen.
Das war in der ersten Blütezeit des deutschen Synchron anders: die meisten Sprecher bekam man irgendwann auch als Darsteller zu Gesicht, und nicht selten konnten die Kollegen beides gleich gut oder schlecht.

Viele Schauspieler dieser Generation verehre ich wegen ihrer Synchronarbeit – von der sie sich bei jeder Gelegenheit naserümpfend distanzierten-, doch wenigen war ich so dankbar wie Arno Paulsen, der in den glücklicheren Fällen die Stamm-Stimme von Oliver Hardy war. Einen so subtilen Komödianten stimmlich zu vertreten ist eine besonders ehrenvolle und riskante Aufgabe, Paulsen erledigte sie glänzend. Ich habe ihn sonst selten gehört (und mich jedesmal gefreut) und nur ein einziges Mal in einem Film agieren sehen. Es war der Trümmerfilm-Klassiker „Die Mörder sind unter uns“ mit der jungen Hildegard Knef.
Paulsen spielt – seinem äußerlichen Typ entsprechend – einen Kleinburger mit Bärtchen, der eine leichte Familienähnlichkeit mit Ekel Alfred aufweist. Im Laufe der Handlung entpuppt er sich als alter Nazi, was mir – klar, es ist nur ein Film – das Herz brach.
Das Thema Nationalsozialismus spielte in den frühen Tagen der Bundesrepublik keine Rolle auf der Leinwand und wurde auch kurz vor deren Gründung kaum verhandelt. In einem der wenigen Momente, da das doch geschah, war es ausgerechnet diese Stimme, die der Schurke von sich gab.
Ich erinnere mich, dass der Film wirklich nicht übel war, aber ich habe ihn nie wieder sehen wollen.

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