Warum nicht Mozart?

Zu den Genies der Musikgeschichte, die ich nicht liebe, sondern nur unbedingt respektiere, gehört auch der, der am häufgisten als der Liebenswerteste aufgerufen wird. Mozart ist offiziell der Größte – dicht gefolgt vom von mir durchaus geliebten Johann Sebastian Bach.
Mozart ist mir zu nett, zu hopsig, zu vorhersehbar, und ich glaube immer herauszuhören, was ihn als Halbwüchsigen sozialisiert hat: ein Leben als Wunderkind, das hohen Herrschaften mit gepuderten Perücken im Salon vorspielt. Eine perfektere Schule der Gefallsucht ist schlechterdings nicht vorstellbar, und sie prägt auch das nachfolgende Werk des früh verstorbenen Meisters.

„Das Eine kann ich Ihnen sagen: Mozart wird ihm jedenfalls nicht helfen!“ – Barbara Bel Geddes in einem Hitchcockfilm. – Foto: Universal Pictures

Ich habe mich heute sehr über eine Einordnung aus berufenem Munde gefreut, die meinen unpopulären Vorbehalten zumindest nicht gänzlich zuwiderläuft.
Der rbb-Musikkritiker Kai-Luehrs Kaiser dachte in Rahmen einer Rubrik, an der auch Kollegen beteiligt sind, über Mozart unter dem Gesichtspunkt nach: er ist allbekannt, aber keiner weiß eigentlich noch, wofür.
Er sagte: „Schwer erträglich leichtgewichtig, könnte man sagen, geradezu sperrig in seiner Dekorativität, Heiterkeit und Munterkeit … also, warum ist er so gut? Oder ist er es gar nicht? Wofür sollte man ihn kennen, wo sollte man ihn besser meiden? Meine Antwort, wer Mozart war, wäre: die Spitze und zugleich der Sonderfall, das Eiklar und das Gelbe vom Ei der kontinentaleuropäischen Musik schlechthin.  Harmonisch gesehen repräsentiert Mozart das völlig widerhakenlose Ideal der tonalen Musik. Er ist der einzige, der ein Dissonanzenquartett schreiben konnte, eben weil bei ihm Dissonanzen am wenigsten eine Rolle spielen und den musikalischen Standard bestimmen. Er ist damit die vollkommenste Ausprägung, das – mit Hegel zu sprechen – An und für sich der Klassischen Musik. Ich hatte eine Phase in meinem Leben (das habe ich bei keinem anderen Komponisten je erlebt), wo ich glaubte, nur noch Mozart hören zu wollen, weil alles zu ihm hinführt und es danach wieder bergab geht. Ich hörte ihn damals auch anders, so als sei er ein Goldener Schnitt. Irgendwann war es auch wieder vorbei damit, und ich verstand kaum noch, was ich da in Mozart projiziert hatte. Natürlich sind solche Überlegungen von vorne bis hinten Projektionen.
Die Schriftstellerin Friederike Mayröcker erzählte mir, dass sie für Mozart schlicht und ergreifend kein Organ habe. Sie verstehe Mozart nicht! Das ist es, was ich meine: wo ein Komponist dermaßen den Gipfel bildet, kann dieser umwölkt und für das Auge der Betrachter unsichtbar werden und zugleich Mozartisten hervorbringen – so wie Richard Strauss einer gewesen ist. Mozart ist –pathetisch gesprochen – die Sonne über allem. Direkt anschauen kann man ihn nicht.“
Ich weiß natürlich zu schätzen, dass es vielfach diese „Mozartisten“ sind, die mir ungleich größere Freude machen – am ehesten die, aus deren Musik ich das unbestreitbare Vorbild gar nicht heraushöre.
Und das ist vollkommen in Ordnung. Wenn ich in meinem Elternhaus einen tollen Rosenkohl serviert bekomme, lobe ich meine Mutter – nicht den Gärtner, der den Rosenkohl angebaut hat.

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