O tempora, o mores

betr.: 218. Jahrestag der Uraufführung von Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“

Goethes „Torquato Tasso“ ist eines jener Kunstwerke, die einen Teil ihrer Faszination erst in Laufe der Zeit entfalten konnten. Über den Erfolg beim Premierenpublikum herrscht Uneinigkeit. Während die Wikipedia von einem Kritikerlob „in den höchsten Tönen“ spricht, ist sich der Deutschlandfunk 2007 in seiner „Langen Nacht“ zum Thema Tasso nicht ganz sicher:

Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“ wurde im Revolutionsjahr 1789 vollendet, erlebte seine Uraufführung aber erst fast 20 Jahre später. Offenbar haben die Zeitgenossen das Werk nicht gerade mit Enthusiasmus aufgenommen. Und vermutlich erregte gerade das Anstoß, was für uns heute den Reiz und die Qualität des Werks ausmacht. Goethe gegenüber [dem deutschen Dichter und Schriftsteller Johann Peter] Eckermann:
„Ich hatte das Leben Tassos und ich hatte mein eigenes Leben, und indem ich zwei so wunderliche Figuren mit ihren Eigenheiten zusammenwarf, entstand in mir das Bild des Tasso, dem ich als prosaischen Kontrast den Antonio gegenüberstellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte. Die weiten Hof-, Lebens- und Liebesverhältnisse waren übrigens in Weimar wie in Ferrara“.

Der kunstliebende Herzog Alfons II von Ferrara hat den jungen Poeten Torquato Tasso auf sein Lustschloss Belriguardo eingeladen. Als der Dichter ein von ihm als Dank erwartetes Manuskript überreicht, krönt ihn die Schwester des Herzogs, Prinzessin Leonore mit einem Lorbeerkranz, – sehr zum Unmut des Staatssekretärs Antonio, der hinter dieser Ehrung die unausgesprochene gegenseitige Zuneigung zwischen Prinzessin und Tasso spürt. Geschickt taktierend versteht es Antonio, den empfindlichen Dichter aufs äußerste zu reizen. Der Streit eskaliert so weit, dass Tasso den Degen gegen Antonio zieht und deshalb von dem dazwischen tretenden Herzog in Arrest genommen wird. Als Schlichtungsbemühungen scheitern, entschließt sich Tasso, Ferrara zu verlassen, erbittet jedoch seine Dichtung zurück, um noch weiter daran zu arbeiten. Der Herzog gibt das Manuskript nicht heraus und verspricht lediglich eine Abschrift. Der Abschied von der Prinzessin erschüttert Tasso so sehr, dass er sie (das Hofzeremoniell missachtend) unbeherrscht an sich presst und daraufhin auch von ihr zurückgestoßen wird. Gebrochen bleibt er zurück. In Goethes Schauspiel gelingt eine unglaublich facettenreiche, vielschichtige Durchleuchtung dieser Geschichte. Jede eindeutige Aussage darüber greift zu kurz. Diese Qualität der Dichtung schuf die Voraussetzung dafür, dass sich verschiedene Generationen von Künstlern auf sehr unterschiedliche Weise in dem Stück wieder finden konnten.

Allerdings musste erst einmal eine Sensibilität dafür entstehen, worum es eigentlich geht. Denn Jahrzehntelang und bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts war „Torquato Tasso“ (gemäß früherem Theaterverständnis) ohne jeden Realitätsbezug gespielt worden. Wie sich das damals angehört hat, kann man sich vorstellen, wenn man bei Alfred Kerr nachliest. Der damalige Kritiker-Papst forderte 1913 nach einer Aufführung von Max Reinhardt, das müsse alles viel „schöner“ klingen, „liedhafter“. Auch nachdem klassischer Singsang überwunden war, behielten selbst hoch besetzte Inszenierungen eine merkwürdig abstrakte Kühle, die noch 1961 in einer Produktion des ORF Salzburg zu bemerken war, obwohl unter der Regie von Leopold Lindtberg ein erstklassiges Ensemble mit Will Quadflieg als Tasso und Aglaja Schmidt als Prinzessin Leonore zur Verfügung stand.

Goethe, der als eine Art Kulturminister am Weimarer Hof auf doppelte Weise involviert war, schrieb sein Schauspiel auf der Basis eigener Erfahrungen: Die Unvereinbarkeit von Kunst und Macht behandelt er so vieldeutbar, dass unter verschiedenen politischen Systemen jede Zeit sich darin wieder erkennen kann. Dem Anspruch des Künstlers „Erlaubt ist, was gefällt“ wird die Einschränkung „Erlaubt ist, was sich ziemt“ entgegengesetzt. Wilhelm Busch neigte später bekanntlich der ersteren Fassung zu: „Was beliebt, ist auch erlaubt!“ – aber bei dem musste man vor Ironie immer auf der Hut sein.

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