betr.: 16. Jahrestag der deutschen Premiere des Films „Das weiße Band“ (vor drei Tagen)
Der Drehbuchautor und Regisseur Michael Haneke ist ein paarmal nach der literarischen Vorlage des ersten seiner beiden Welterfolge „Das weiße Band“ gefragt worden. Das wird ihm geschmeichelt haben. Jedenfalls wirkte er immer sehr erheitert, wenn er davon erzählte und damit schloss, eine solche Vorlage gebe es nicht. Er habe das alles selbst erfunden. Dem Irrtum der Journalisten hat sicherlich auch der Kunstgriff Vorschub geleistet, dem Film diesen ökonomisch eingesetzten Off-Erzähler mitzugeben, dessen Text ganz im Stil der Handlungszeit kurz vor beginn des Ersten Weltkriegs gehalten ist. Diese Rolle übernahm Ernst Jacobi. Es ist bedauerlich, dass es diesen Roman auch nachträglich nicht gegeben hat. Und dass Ernst Jacobi davon auch kein Hörbuch einlesen konnte.
Der Roman würde so beginnen:
Ich weiß nicht, ob die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, in allen Details der Wahrheit entspricht. Vieles darin weiß ich nur vom Hörensagen und manches weiß ich auch heute nach so vielen Jahren nicht zu enträtseln. Auf unzähige Fragen gibt es keine Antwort, aber dennoch glaube ich, dass ich die seltsamen Ereignisse, die sich in unserem Dorf zugetragen haben, erzählen muss, weil sie möglicherweise auf manche Vorgänge in diesem Land ein erhellendes Licht werfen können.
Begonnen hat alles, wenn ich mich recht entsinne, mit dem Reitunfall des Arztes. Nach einer Dressurstunde im herrschaftlichen Reitstall war er auf seinem Ausritt erst zu seinem Hause geritten, um nach eventuell eingetroffenen Patienten zu sehen. Beim Betreten des Grundstücks stolperte das Pferd über ein kaum sichtbares, zwischen den Bäumen gespanntes Drahtseil. Die Tochter des Arztes hatte den Unfall vom Fenster des Hauses aus beobachtet und konnte die Nachbarin verständigen, die wiederum im Gutshof Nachricht gab, sodass der unter schrecklichen Schmerzen Leidende schließlich ins Krankenhaus der mehr als 30 Kilometer entfernten Kreisstadt gebracht werden konnte.
Die Nachbarin, eine alleinstehende Frau um die 40, war die Hebamme des Dorfes, die im Haus des Arztes seit dem Kindbetttod von dessen Frau eine unentbehrliche Stellung als Haushälterin und Sprechstundenhilfe innehatte.
Nachdem sie die beiden Kinder des Arztes versorgt hatte, kam sie zur Schule, um Karli, ihren eigenen Sohn zu holen.