Unter lärmenden Kretins

Der alte Autorenfilmer und Kinskiversteher Werner Herzog hat mich mit seinen schrägen Äußerungen vor laufender Kamera stets irritiert. Sein langes „Spiegel“-Interview liest sich hingegen ganz großartig (wenn er von seinem amerikanischen Exil auch ein klein wenig gut reden hat, was das strategische Wohlverhalten in Deutschland betrifft).
Bei seinen Auftritten in den Sozialen Medien lege er Wert auf „inhaltliche und erzählerische Substanz“, der Mittelklasse attestiert er „das existenzielle Wesensmerkmal (…) Panik. Ohne Panik kann sie nicht existieren“. In unserem Umfang mit der AfD erblickt er „diese Mischung aus Wehleidigkeit und Zorn“. Vor den Produkten der KI fürchtet er sich nicht, denn „es sind Totgeburten“. Sie „lassen sich sofort enttarnen, weil ihre Oberflächen vollkommen glatt sind und versehen mit einem optimistischen Säuselton. Die KI wird in 2000 Jahren keinen Film machen, der nur halb so gut ist wie einer meiner Filme.“ Den Filmemachern von heute ruft er zu: „Ohne Lesen werdet ihr nie einen guten Film machen!“ Und warum ist Lesen so wichtig? „Bücher sind intensiv und transportieren Substanz, es ist nichts dazwischengeschaltet. Im Kino haben Sie immer Kamera und Technik, dazu Schauspieler mit ihrer merkwürdigen Psychologie, es gibt Finanzprobleme und die Postproduktion. Da sind immer Dutzende von Ebenen im Spiel, bis man ein Endergebnis auf der Leinwand hat. Literatur ist unmittelbar – fast so, wie ich jetzt mit Ihnen spreche.“ Und wenn eines Tages niemand mehr liest? „Wir würden etwas verlieren, was zutiefst menschlich ist. Dass wir mit einem anderen Kopf denken.“

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