Verbrechen und andere Kleinigkeiten
Crimes And Misdemeanors
Orion Pictures 1989
Drehbuch und Regie von Woody Allen
Zeit: Gegenwart
Ort: Hotel Waldorf Astoria
Der Augenarzt Judah Rosenthal (ein Mann Ende 50) hat seine Geliebte Dolores ermorden lassen, weil sie ihn erpressen wollte, ihretwegen seine Ehe aufzugeben. Rosenthal wundert sich, wie gut er mit seiner Schuld leben kann. Er philosophiert darüber mit dem von Woody Allen gespielten kleinen Filmemacher am Rande einer Hochzeitsfeier im Waldorf Astoria
Ben sagte mir, dass Sie Filme machen. Ich habe eine tolle Mordgeschichte für Sie. – Ich hab zuviel getrunken, verzeihen Sie bitte. Ich, äh … ich sehe, dass Sie lieber allein wären.
… Also gut. Dann erzähle ich ihnen meine Geschichte. Sie hat aber eine seltsame Wendung. Es ist eine Geschichte zum Frieren.
Nehmen wir an, da ist ein Mann, der sehr erfolgreich ist. Er hat alles. Auch eine glückliche Ehe. Aber wie das so ist, wenn eine solche Beziehung in die Jahre kommt … irgendwann leistet er sich eine Affäre. Mit einer jüngeren, sehr attraktiven Frau. Klar. Das ist ja der Witz an der Sache.
Und eines Tages klammert ihm diese Frau zu sehr. Er will Schluss machen, sie will nicht. Und sie erpresst ihn, sich zu entscheiden. Sie stellt ihm ein Ultimatum.
Er weiß sich keinen anderen Rat, als sich zu erkundigen, wo er einen Killer herbekommen könnte, um diese Frau … um seine Geliebte zu beseitigen. So etwas haben wir alle schon tausendmal im Kino gesehen, und dort ist es ja üblicherweise so, dass der Übeltäter – also in diesem Fall er selbst – Gewissensbisse bekommt. Dann macht er irgendeinen Fehler. Oder der der Killer macht einen … Wir haben uns jedenfalls angewöhnt, dass solche Untaten … der Ehebruch ist ja auch noch zu bedenken … dass solche Untaten bestraft werden müssen. Sogar in unmoralischen Geschichten mit sehr fiesen Figuren, kommt der Übeltäter normalerweise nicht davon. Seine Schuld wird ihn einholen, auf die eine oder andere Weise.
Mein Held ist natürlich auch so geprägt, er hat diese Filme auch gesehen. Und ihm, einer Stütze der Gesellschaft, ist es gar nicht wohl dabei, sich mit solchem Halbweltgesindel einzulassen. Aber schließlich kommt er zu dem Ergebnis, dass er keine andere Wahl hat. Er lässt seine Geliebte ermorden.
Rein organisatorisch geht alles gut, niemand verdächtigt ihn, mit der Sache zu tun zu haben, auch seine Frau hat nichts von der Affäre mitbekommen.
Jetzt bleibt noch sein Gewissen. Nachdem die schreckliche Tat also vollbracht ist, stellt er fest, dass ihn ein tiefsitzendes Schuldgefühl quält. Kleine Funken aus seinem religiösen Hintergrund, den er bisher abgelehnt hatte, tauchen plötzlich wieder auf. Er hört die Stimme seines Vaters. Er stellt sich vor, wie Gott jede seiner Bewegungen beobachtet. Plötzlich ist das Universum nicht mehr leer, sondern voller Gerechtigkeit und Moral, und er hat sich dagegen vergangen. Panik erfasst ihn. Er gerät an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Um ein Haar hätte er es der Polizei gestanden.
Und dann, eines Morgens, wacht er auf. Die Sonne scheint, seine Familie ist bei ihm, und auf rätselhafte Weise ist die Krise vorüber. Er macht mit seiner Familie Urlaub in Europa, und die Monate vergehen. Er stellt fest, dass er nicht bestraft wird.
In Wahrheit hat er sogar Erfolg. Der Mord wird jemand anderem zugeschrieben: einem Penner, der schon mehrere Morde auf dem Gewissen hat, und deshalb … Ich meine, auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an. Jetzt ist er vollkommen frei. Sein Leben verläuft wieder in den gewohnten Bahnen. Er lebt wieder in seiner geschützten Welt des Reichtums und der Privilegien.
Jetzt sehen Sie mich so komisch an. Aber wieso? Alle Menschen tragen doch Sünden mit sich herum. Manche von ihnen richtig schlimme Untaten. Was sollte er denn machen? Sich stellen? Nein! Na ja, vielleicht hat er hin und wieder Gewissensbisse, aber mit der Zeit verschwinden auch die.
Ich sagte ja, es ist eine Geschichte zum Frieren. Die Wirklichkeit zwingt uns zur Vernunft. Wir müssen leugnen, sonst können wir nicht weiterleben.
In der Literatur wäre so eine Geschichte eine Tragödie. Oder im Kino. … Sie gehen zu oft ins Kino. Ich spreche von der Wirklichkeit. Wenn Sie ein Happy End wollen, müssen Sie ins Kino gehen.
Bearbeitet von Monty Arnold