Vom Nachleben wahrer Begebenheiten: Autofiktion (1)

Ich weiß nicht, ob das Kinopublikum wirklich so großen Wert auf den Wahrheitsgehalt seines Feierabend-Programms legt, doch es fällt auf, wie gern Hollywood seinen Produkten die Zeile voranstellt: „Nach einer wahren Begebenheit“. Während dieser Satz für mich eher nach schlechtem Gewissen klingt, mag er insofern gute Reklame sein, als sich auf dem Feld der Literatur die „Autofiktion“ tatsächlich großer Beliebtheit erfreut. Das Präfix „Auto“ (= von mir selbst / über mich selbst) hebt das folgende „Fiktion“ (= etwas Erfundenes) nämlich auf: nur die Details und der Stil sind fiktional, die enthaltene persönliche Interpretation ist legitim, dennoch sage ich die Wahrheit. Ich war dabei, ich muss es ja schließlich wissen.

Der trendige Begriff „Autofiktion“ ist seit langem in der Welt und hat es über den Umweg des Marketing-Sprech als Genrebegriff in den Sprachgebrauch geschafft. Clemens Böckmann dazu in der aktuellen „Wochentaz“: „Autofiktion, ernst genommen, bedeutet Ermächtigung und die Rückgewinnung einer zerstörten Autonomie. (…) Geschichten, die Identifikation erlauben, haben Konjunktur“  und fragt: „Was sagt es über eine Gesellschaft aus, dass sie die dringende Sehnsucht hat, sich mit den Opfern zu identifizieren? Wer meinte, mit dem Literaturnobelpreis für Annie Ernaux sei der Höhepunkt erfahrungsbasierter Literatur erreicht, wird durch die Programme deutscher Verlage und die Shortlists vieler Preise eines Besseren belehrt. (…) Folgt man der Spur der Autofiktion, führt sie direkt in Debatten über Identitätspolitik. Schon Ende der 1990er Jahre kritisierte Maxim Biller die Homogenität der deutschen Gegenwartsliteratur und verzweifelte an der selbstbezogenen, kleinbürgerlichen Langeweile angesichts ausschließlich weißer, nicht jüdischer Autoren.“ Inzwischen müsste Biller denselben auch noch ihr männliches Geschlecht und ihr fortgeschrittenes Alter zum Vorwurf machen, um nicht ungebührlich aus dem Erregungsraster zu rutschen – und würde sich damit gleich zweimal selbst in die Pfanne hauen.
Böckmanns Fazit: „Die realen Erfahrungen eines Opfers sollte niemand erleben müssen, doch ihre Erzählungen sind längst zur Ware geworden. Das Publikum will Leiden nachvollziehen – konsumieren – ohne daraus zwingend Konsequenzen zu ziehen.“ Als Grund dafür erkennt der Autor eine „Tendenz, sich nicht den Tätern zuordnen zu wollen. (…) Entsprechende Bücher bedienen das Bedürfnis nach Opfererzählungen und berühren Fragen von Schuld, blenden aber gesellschaftliche Verantwortung aus: Täter sind immer die anderen.“

Dieser Beitrag wurde unter Film, Gesellschaft, Literatur, Medienphilosophie abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert