Ab durch die Hecke!

Ein neuer Tier- und Teenie-Horrorfilm steht bereit. Das Plakat lässt offen, wie groß der animalische Schurke tatsächlich ist. Er ist kleiner als man denkt.

„Primate“
von Johannes Roberts


Nach dem ersten Studienjahr am College besucht Lucy mit den Freunden Hannah, Kate und Nick ihren Vater in Hawaii, einen taubstummen Forscher mit luxuriösem Familienanwesen im Grünen. Zum Haushalt gehört auch der Schimpanse Ben. Als Vater Adam zur Buchmesse fährt, freuen sich die Kids auf sturmfreie Bude. Stattdessen bricht bei Ben
die Tollwut aus, und er entwickelt sich zu einer mörderischen Bestie. Lucy und Co retten sich in den Pool, da Ben nicht schwimmen kann. Doch das verschafft ihnen nur eine kurze Galgenfrist, denn ihr Feind hat ja ein Primatenhirn …

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Bei einem Film, der so gründlich vergurkt ist, lohnt es sich nicht, die Sache spannend zu machen. Deshalb macht es dem Rezensenten auch kein Vergnügen, die wenigen guten Szenen gleich zu Beginn zu nennen – wie um auszuholen und dann draufzuhauen. Zumal es sehr wenige Szenen sind, und die sind gar nicht mal richtig gut, sondern nur mit Einschränkungen.
Immerhin: die vorgezogene Actionszene ganz zu Beginn, in deren Anschluss der obligatorische Hinweis „36 Stunden zuvor“ erst einmal in Wellness-Feeling hinüberführt, verschleiert sehr geschickt die Größe des wilden Primaten, mit dem wir es ja tun bekommen werden. Die Dunkelheit des geöffneten Käfigs und die extreme Nahaufnahme der Augenpartie seines Insassen könnten auch auf einen Gorilla verweisen. Dass Ben lediglich ein Schimpanse ist, der sich seinen Horror erst noch erarbeiten muss, macht der Film aber gleich wieder kaputt, wenn er zum Anfang zurückblendet. Computeranimationen sind auch 30 Jahre nach „Toy Story“ noch immer riskant, sprich: sie sehen bei falscher Anwendung, also mit zu hohem Realismus-Anspruch – leider einfach scheiße aus. Gute Fellstrukturen machen noch kein insgesamt überzeugendes Tiergeschöpf, auch die Laute, die er ausstößt hätte, klingen wie aus dem Smartphone. Nur ein echter Schimpanse hätte bei Bens erstem richtigen Auftritt die nötige Possierlichkeit mitgebracht, um dem zum Monster mutierenden Affen eine Fallhöhe zu geben. Stattdessen musste ich bei seinem Anblick ich an die gruseligen, klobigen sieben Zwerge denken, mit denen Disney kürzlich einen seiner wichtigsten Klassiker harpuniert hat.
Um solche psychologischen Zusammenhänge zu begreifen, fehlt es den Kolleg*innen Filmschaffenden mal wieder an Durchblick und Handwerk. Wenn man sich nur für die Einzelbilder auf dem Monitor interessiert, die man stundenlang bearbeiten muss, gerät die Dramaturgie aus dem Blickfeld.
Die Idee, einen Swimmingpool mit Meerblick, unter dem eine Steilküste in die Tiefe führt, zur klaustrophobischen Falle zu machen, hat ihren Reiz, doch früher oder später muss die Rückeroberung des übrigen Schauplatzes den Raum für das große Gemetzel freigeben.
Wenn man all die Flüchtigkeitsfehler beiseitelässt – die Lokigfehler, die Timingfehler, die schlampige Figurenzeichnung, den aufdringlichen Einsatz von CGI an noch anderer Stelle, den inflationären Gebrauch von exakt vorberechenbaren Jump-Scares … – wenn man all das beiseitelässt, was schon angesichts der Menge nicht einfach ist, dann krankt „Primate“ immer noch an einem großen Missverständnis. Es handelt sich hier im Kern um einen Teenie-Slasher-Film. Der einzige Erwachsene in dieser Geschichte ist eine ganz besonders plump konzipierte Nebenrolle, die nur zu Beginn und im Finale auftritt, der Besitzer der gewaltigen Dschungelvilla. Wenn Teenie-Horror zu geleckt und gelackt daherkommt, sieht er schnell aus wie eine Reklame für Luxus-Kreuzfahrten. „Primate“ macht den aussichtslosen Versuch, die Grüne Hölle ausgerechnet im Sehnsuchtsparadies Hawaii zu verorten – als Kulisse, als Umgebung, in der das Heim des offenbar millionenschweren Althippie-Primatenforschers eine Insel bildet und in der die vielen Palmenbäume nächtens böse rauschen.
Aber die Macher dieses Films sind so unbedarft, dass sie auch die simple Gleichung außer Acht lassen, auf der das alles beruht: Horror = Ekel + Handlung. Oder sagen wir: + Situation. Die handwerklich tadellosen Effekte – z.B. der schauerliche Running-Gag mit den abgerissenen Unterkiefern – sind so schlecht motiviert und vom bösen Affen so inkonsequent verabreicht, dass sie nichts als tadel-, aber eben auch sinnlose Effekte sind. 

Was bleibt uns anderes übrig, als uns mit einem lustigen Zitat aufzumuntern, das wir woanders herbekommen. Im Finale eines „Planet der Affen“-Musicals singt Astronaut Taylor: „I hate ev’ry ape I see, from chimpan-A to chimpan-Z“. Hier gibt es nur einen Schimpansen, dafür aber viele sehr unsympathische Teenager.

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