betr.: 121. Todestag von Lew Wallace (morgen)
Der Gondrom Verlag Bayreuth schmückt seine Ausgabe von „Ben Hur. A Tale Of The Christ“ von Lew Wallace „mit 30 zeitgenössischen Illustrationen“ und lässt ihn von A. Horn 1979 „unter Verwendung älterer deutscher Übersetzungen“ „Leicht gekürzt und in Sprache und Orthographie in eine zeitgemäße Form“ bringen. Das Werk ist hier in 5 Bücher zu 3 bis 14 Kapiteln aufgeteilt.
Der Diogenes Verlag brachte 1985 eine der Fassungen heraus, die hier vermutlich eingeflossen sind: die von Hugo Reichenbach, die sich in 38 Kapitel gliedert.
Wir lesen zweimal den Schluss und das Nachspiel des berühmten Wagenrennens, das bei Gondrom leider keine Abbildung erhalten hat.
1979
5. Buch, 12. und 13. Kapitel
Ehe sich Messala Rechenschaft geben konnte, war Ben Hur an seiner Seite; zur gleichen Zeit ließ sich ein lauter Krach vernehmen, dann stürzte Messalas Wagen zusammen, während sich der Römer selbst in die Zügel verwickelte und dadurch zu Fall kam. Unglücklicherweise konnte der Sidonier seine Pferde nicht rechtzeitig zum Stehen bringen und fuhr in vollem Lauf über das zerbrochene Fuhrwerk und seinen Lenker hinweg mitten zwischen die ohnehin erschreckten Pferde. Der Sidonier kam unverletzt aus den Trümmern hervor; aber Messala lag unter den stampfenden Pferden. Augenscheinlich war er tot, und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich Ben Hur zu, dessen Araber dahinflogen, als berührten sie nicht mehr den Boden. Als der Byzantiner und der Korinther gerade die halbe Strecke zurückgelegt hatten, erreichte Ben Hur das Ziel.
Der Konsul erhob sich, das Publikum schrie sich heiser, während der Veranstalter der Spiele den einzelnen Siegern die Preise austeilte.
Als Sieger unter den Faustkämpfern wurde ein blondhaariger Sachse gekrönt, den Ben Hur als seinen ehemaligen Fechtlehrer in Rom erkannte. Dann fiel sein Blick auf die Gruppe seiner besonderen Freunde, die ihm lebhaft zuwinkten; die Ägypterin beugte sich weit über die Brüstung vor, und ihr Lächeln ließ des Jünglings höher schlagen – er ahnte nicht, daß dieselbe Gunst dem Römer zugefallen wäre, wenn dieser den Lorbeer erhalten hätte.
In feierlichem Zug ging es hierauf durch das Triumphtor, und damit war der bedeutungsvolle Tag beschlossen.
Dreizehntes Kapitel
Ben Hur und Ilderim rasteten jenseits des Ufers und wollten, wie vorher verabredet worden war, um Mitternacht aufbrechen und die Karawane einzuholen suchen, die ihnen um eine Tagesreise voraus war.
Der Scheich strahlte vor Stolz und Glück und machte seinem jungen Freund die glänzendsten Anerbieten, die dieser aber alle mit dem Bemerken ausschlug, daß die Demütigung seines Feindes ihn vollkommen befriedige.
Aber Ilderim beruhigte sich nicht so schnell dabei.
„Bedenke, was du für mich getan hast“, sagte er. „Der Ruf meiner Mira und ihrer Kinder wird in jedem schwarzen Zelt bis jenseits der Ufer des Euphrat und weit übers Meer hinaus erschallen und meinen Ruhm verkünden. Man wird vergessen, daß ich alt bin, und kriegstüchtige Leute werden sich unter meine Führung scharen. Du weißt nicht, welche Machtstellung mir jetzt in der Wüste zufallen wird. Die Fürsten werden vor mir das Knie beugen, Könige werden mir Vergünstigungen aller Art gewähren, und – beim Schwerte Salomos – was meine Boten vom Cäsar für mich erbitten werden, werden sie empfangen. Und willst du unter diesen Umständen noch immer nichts von mir annehmen?“
„Nein, guter Scheich“, erwiderte Ben Hur. „Mir genügt, daß deine Hand und dein Herz mir gehören. Deine vergrößerte Machtstellung komme dem ‚zukünftigen König‘ zugute. Wer weiß, ob dir dieses Glück nicht im Blick auf ihn zuteil geworden ist! In der Arbeit, die vor mir liegt, werde ich deine Hilfe vielleicht noch dringend nötig haben; dann werde ich froh sein, wenn ich sozusagen ein Anrecht auf dich habe.“
Während die beiden noch verhandelten, trafen zwei Boten ein: Malluch und ein Fremder. Malluch, der zuerst vorgelassen wurde, gab seiner Freude über das Ereignis des Tages Ausdruck, dann entledigte er sich des Auftrags seines Herrn.
„Mein Herr, Simonides, läßt dir sagen“, begann er, „daß einige Römer nach Beendigung der Spiele gegen die Auszahlung des Geldpreises Einspruch erhoben haben.“
„Bei der Herrlichkeit Gottes!“ rief Ilderim erregt, „der Osten soll entscheiden, ob das Rennen gültig war.“
„Nein, guter Scheich“, versetzte Malluch, „das Geld ist bereits ausgezahlt worden. Als man sagte, Ben Hur habe Messalas Wagen angerannt, lachte der Veranstalter und erinnerte an den Schlag, den Messala den Arabern beim ersten Gang versetzt hatte.“
„Und wie steht es mit dem Athener?“
„Er ist tot.“
„Tot!“ rief Ben Hur, „und Messala ist am Leben geblieben?“
„Am Leben ist er allerdings geblieben, aber die Ärzte versichern, daß er nie mehr wird gehen können.“
1916 (?) / 1985
24. Kapitel
Einfacher und schneller war nie etwas Derartiges geschehen. Messala war eben im Begriffe gewesen, die Biegung um das Ziel zu vollenden, um an ihm vorbeizukommen, mußte Ben Hur die Bahn kreuzen und zwar in möglichst kurzem Abstande. Die Tausende auf den Bänken errieten alsbald seine Absicht, sie sahen ihn das Zeichen geben und waren Zeugen des Erfolges. Das Gespann sauste am äußeren Rade Messalas vorbei, das innere Rad von Ben Hurs Wagen traf das des Messala: ein lauter Krach, der im ganzen Zirkus widerhallte – und des Römers Wagen lag im Sande, eine zerbrochene Masse. Messala, in die Zügel verwickelt, lag darunter.
Das Schreckliche des Anblickes wurde noch dadurch vermehrt, daß der Sidonier seine Pferde nicht anhalten konnte. Mit voller Wucht sausten sie in die Trümmer, über den Römer, in sein schäumendes Gespann hinein. Sich mühsam aus der Wolke von Sand und Staub zu erheben suchend, sah Messala gerade noch, wie der Korinther und Byzantiner Ben Hur auf der Bahn folgten, der nicht im geringsten aufgehalten worden war.
Die Zuschauer erhoben sich, stiegen schreiend und lärmend auf die Bänke und erfüllten den Zirkus mit ihrem Beifalle. Messala lag indessen unbeweglich unter den Hufen seiner vor Wut stampfenden Pferde auf den Trümmern seines Wagens. Man hielt ihn für tot. Ben Hur war das Ziel aller Augen Die wenigsten hatten bemerkt, wie er die Pferde etwas nach links lenkte und mit der eisenbeschlagenen Spitze der Achse seines Wagens in das Rad seines Gegners rannte. Nur die Veränderung in seinem Wesen war ihnen nicht entgangen, als er mit einem Male seinen Arabern den eigenen Geist einzuflößen schien. War das ein Rennen! Es schien dem Sprunge der Löwen gleich; zu fliegen schien das Gespann. Noch hatten der Korinther und der Byzantiner die Bahn kaum zur Hälfte zurückgelegt, und schon hatte Ben Hur das Ziel erreicht.
Der Sieg war errungen!
Der Konsul erhob sich. Die Zuschauer schrien sich heiser. Der Leiter der Spiele verließ seinen Sitz und krönte die Sieger. Ben Hur blickte auf und sah Simonides und seine Gesellschaft. Sie winkten ihm zu. Esther saß ruhig an ihrem Platze. Iras begrüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln – das aber ursprünglich für Messala bestimmt gewesen war. Nun ordnete sich die Prozession und zog unter Beifallsrufen der Menge durch das Triumphtor. Der Tag war vorüber.
Ben Hur und Ilderim blieben bis Mitternacht im Hause des Kaufherrn Simonides. Der Scheik war überglücklich. Er bot dem Sieger reiche Geschenke an, dieser aber wies alles zurück, indem er bemerkte, er sei zufrieden, seinen Feind gedemütigt zu haben.
Es dauerte lange, ehe der großmütige Streit geschlichtet war. „Bedenke doch“, sprach der Scheik, „was du für mich getan hast! In jedem Zelte von der Wüste bis zum Meere und hinüber bis zum Euphrat wird Miras und ihrer Sprößlinge Ruhm verkündigt werden. Und die ihn verkünden, werden mich preisen und vergessen, daß mein Leben seinem Ende naht. Alle jetzt herrenlosen Speerträger werden sich um mich scharen, meine Schwertträger werden sich bis zur Unzahl vermehren. Du weißt nicht, was es heißt, in einer Wüste Gebieter zu sein. Ich werde von nun an unberechenbare Einnahmen von den Händlern, große Vorrechte von den Königen erhalten. Ja, beim Schwerte Salomos! Selbst die Freundschaft des Kaisers ist mein, wenn ich sie suche. Und willst nichts, gar nichts von mir annehmen?“
Ben Hur antwortete: „Hab ich nicht dein Herz und deine Hand, Scheik? Verwende deine Zunahme an Macht und Reichtum für den König, der da kommen soll. Wer kann sagen, ob sie dir nicht zu diesem Zwecke gegeben wurde? In dem übernommenen Werke bedarf ich vielleicht deiner Hilfe sehr. Schlage ich jetzt deine Geschenke aus, so bin ich dann umso mehr berechtigt, dich um Beistand zu bitten.“
Während dieser Unterredung trat Malluch ein. Der brave Bursche machte kein Hehl aus seiner Freude. „Doch“, sprach er, „ich habe eine Botschaft auszurichten. Wie mir Simonides mitteilte, weigern sich die Römer, dir den Preis zuzuerkennen; das heißt, die Partei Messalas protestiert gegen die Auszahlung.“
Zornig erhob sich Ilderim und rief: „Bei der Herrlichkeit Gottes, der ganze Orient ist Zeuge, daß der Sieg ehrlich errungen wurde!“
„Der Protest wurde nicht berücksichtigt“, fuhr Malluch fort; „das Geld wurde bereits ausbezahlt.“
„Wirklich?“
„Beim Einwurfe, daß Ben Hur Messalas Rad zerbrochen habe, lachte der Leiter der Spiele und erinnerte die Römer an den Peitschenhieb ihres Patrones.“
„Und was ward aus dem Athener?“
„Er ist tot!“
„Tot!“ wiederholte Ilderim. „Und Messala?“
„Er lebt, aber sein Leben wird ihm zur Last sein. Die Ärzte sagen, er werde niemals wieder den Gebrauch seiner Glieder erlangen.“
Übersetzung von Hugo Reichenbach, Hesse & Becker Leipzig