Ein Gastbeitrag von Sebastian Krämer
Es reißt nicht ab und läßt nicht nach – Geheim-Pop-Phänomen Stefan Ebert „fragt für einen Freund” im Verlängerten Wohnzimmer
Sechs Jahre ist es her, daß der Filmemacher Danny Boyle in „Yesterday” das Märchen von einem Singer-Songwriter erzählte, der in einer Welt, die plötzlich keine Beatles mehr kennt, der einzige ist, der sich an sie erinnert und daher mit einem Piratenschatz von Songs prassen kann, der Menschen jeden Alters und jeder Gesellschaftsschicht sofort geschlossen auf ihn aufmerksam macht und ihm phänomenalen Ruhm beschert. Und das eben war das Märchen: daß man nur die genialsten Songs haben muß und sofort ein Weltstar ist, als verliefe Erfolg erwartbar proportional zu nachweislicher „Qualität” …
Die Wirklichkeit, was diesen Punkt betrifft, ließ sich gestern Abend im Verlängerten Wohnzimmer in Berlin Friedrichshain an der Frankfurter Allee ermitteln. Da stand der Mann, der mindestens sieben erfolgreichsten Bands aus drei Paralleluniversen ihre größten Hits geklaut hat, vor einer kleinen mitgrölenden Fantruppe (zum größten Teil aus nicht ganz neidfreien Kollegen), die das „schmale Handtuch”, wie es früher hieß, gerade mal so eben zu füllen vermochte. Keine Stadien, keine Groupies, keine Tourneen, noch nicht mal ein ordentliches Album weist Stefan Ebert vor. Anstelle einer Karriere hat er einfach seine geilen Songs gemacht – einen nach dem anderen, so, wie er sie jetzt auch präsentiert.
Jeder einzelne davon hätte Potenzial, einen auch nur ein wenig geltungssüchtigeren Sänger auf so manches Treppchen zu hieven, vielleicht in einer etwas anderen Zeit, den Neunzigern oder Nullern beispielsweise, als erst die eigentlich bereits aufgelösten alten Ärzte für Punkrock, dann Wir sind Helden für Deutschpop Standards setzten und dabei vor allem das Etikett „gute Texte” für sich beanspruchten.
Aber wer Stefan erlebt, mit seinem viehischen Groove, seinem dezent ekstatischen Gesang, der zwischen Minimalismus und komplexem Rhythmus-Spiel perfekt austarierten E-Gitarre, immer unter Strom, aber nie auf Kosten der Dramaturgie zu sehr ausflippend, merkt, was „gute Texte” wirklich sind: solche, die all dem nur das I-Tüpfelchen, den sanften Ritterschlag versetzen – ganz ähnlich eben wie bei den Beatles, wo sich nie sagen läßt, ob die eigentliche Songidee nun im Text oder der Musik besteht, weil die perfekte Einheit aus beidem das bis heute Erstaunliche ist.
Hauptunterschied: daß sich Stefans Songs eben nicht auf den Portalen des Internets in tausend Versionen stapeln. Um ihre Wucht zu erleben, muß man der kleinen Gemeinde beitreten, die dem unprätentiösesten aller Popstars ohne jede Nebenabsicht in sein jeweiliges Auftrittswohnzimmer folgt. Und alle singen von Anfang bis Ende mit (der Autor dieser Zeilen bildet da keine Ausnahme), nicht nur, falls man das Lied bereits kannte. Diese Refrains verstehen sich bereits beim Kennenlernen fast von selbst, vertreten gleichsam achselzuckend das Ideal des wahren Klassikers: frei erfunden, aber bitte so, als wär’s schon immer da gewesen.
Was Bernd Begemann stets gesucht hat, aber durch seine Affektiertheit weit verfehlte, was Heinz Rudolf Kunze manchmal streifte, aber an den Intellekt wieder verlor, was Udo Lindenberg dringend hätte gebrauchen können, um nicht in Selbstkarikatur zu ersaufen – das hat Stefan Ebert: lauter triumphale Songs auf Deutsch, schlagend wie Argumente, die sofort einleuchten und sogar mich ein paar unreine Reime gern verzeihen lassen, keine Fabergé-, dafür Kolumbus-Eier, ergreifend einfach, schmucklos und schön, glänzend aufgebaut, mit wenigen aber genialen Chord-Überraschungen die schamlose Eingängigkeit auf die Spitze treibend und garantiert ohne ein Wort zu viel.
Das betrifft auch die Ansagen, die er selbstredend kurz hält, „um mehr Lieder spielen zu können”. Mehr als zweimal gönnt er uns selten einen Schlußrefrain, auch das würde diesen Getriebenen zu sehr aufhalten. Und es reißt nicht ab und läßt nicht nach. Wo andere Zeit schinden, damit die Spärlichkeit des Oeuvres nicht allzu sehr auffällt, wirft dieser Mannheimer mit Perlen nur so um sich und hat, wie sich herausstellt, immer noch Ersehntes für die Zugaben zurückgehalten.
Sein wohl nachdenklichster Song droppt die Hookline: „Ich frag‘ für einen Freund”, während wir natürlich längst wissen, daß er selbst dieser Freund ist mit den langen Haaren um das dauerlachende Gesicht, dem T-Shirt und der roten Hose einfach ein „guter Dude (weißt du, wie gut das tut!)” einerseits – andererseits in seiner Meisterschaft genauso einsam wie die populärsten unserer Ikonen …
Ich hatte meinen Sohn (Anfang 20) mit zum Ort des Geschehens geschleift. Auf dem Rückweg sprach er nicht viel, um zuhause direkt in seinem Zimmer zu verschwinden und zur Gitarre zu greifen. Das sagt doch schon alles, oder?