Wohlstand jenseits der kapitalistischen Logik

betr.: 5. Todestag von Marshall Sahlins

Selbst Ulrike Herrmann, Wirtschaftsredakteurin der als linkslastig wahrgenommenen „taz“, gesteht in einem Buchtitel: „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“. Der entfesselte Raubtierkapitalismus der Jahrtausendwende ist es zwar auch nicht, aber in dieser Debatte fehlt es seit jeher an ausgewogenen Standpunkten. Wir erinnern uns: etwas Besseres als der a priori undemokratische Kommunismus (oder sich abgemildert gebärdende Varianten, die ebenso undemokratisch sind) sind in der Weltgeschichte als Alternativen zum Kapitalismus bisher nicht ausprobiert bzw. von einem Wahlvolk zugelassen worden, das überhaupt noch gefragt wurde. Insofern sehe ich der Lektüre dieses Essays mit großer persönlicher Neugierde entgegen.

Marshall Sahlins gehört neben Claude Lévi-Strauss und Marcel Mauss zu den maßgebenden Anthropologen des 20. Jahrhunderts. In seinem 1972 erschienenen Essay „Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft“, der inzwischen auf Deutsch vorliegt*, unternimmt er eine grundlegende Revision des westlich-ethnozentrischen Blicks auf Jäger- und Sammlergesellschaften. Ausgangspunkt seiner Kritik ist die Beobachtung, dass diese Gesellschaften meist aus der Perspektive moderner Industrie- und Agrargesellschaften beurteilt wurden – häufig zu einem Zeitpunkt, als sie bereits durch Kolonialismus, Vertreibung und die Einengung auf marginale Lebensräume tiefgreifend verändert waren.
Sahlins argumentiert, dass Jager und Sammlergesellschaften keineswegs in permanenter Not lebten. Im Gegenteil: Sie verfügten über ausreichend Nahrung. Und da sie nicht an der Anhäufung von Gütern interessiert waren, also wenig materielle Bedürfnisse hatten, mussten sie nur wenige Stunden pro Woche arbeiten und es blieb ihnen viel Zeit für Muße.

Besonders provokant war Sahlins‘ Infragestellung der neolithischen Revolution, die in der Anthropologie lange als zivilisatorischer „großer Sprung nach vorn“ gefeiert wurde. Er zeigt, dass der Übergang zu Ackerbau und Sesshaftigkeit vielfach mit härterer Arbeit, geringerer Lebensqualität, Hungersnöten und dem Beginn struktureller Ungleichheit einherging.
Der Essay wurde weit über Fachkreise hinaus rezipiert und als fundamentale Kritik am ökonomischen Rationalismus und an der Selbstgewissheit westlicher Gesellschaften gelesen. Zugleich wurde er häufig missverstanden, insbesondere als sozialromantische Verklärung vormoderner Lebensweisen. Von paradiesisch kann bei starker sozialer Kontrolle, geringer Lebenserwartung und hoher Kindersterblichkeit in Jäger- und Sammlergesellschaften kaum die Rede sein. Marschall Sahlins ging es um die Frage, wie Wohlstand abseits kapitalistischer Maßstäbe verstanden werden kann.
___________

* Marshall Sahlins, „Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft“, übersetzt von Heide Lotusch, Matthes & Seitz Berlin, 2024

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert