betr.: 100. Jahrestag der Welt-Uraufführung der Operette „Die Zirkusprinzessin“ von Emmerich Kálmán im „Theater an der Wien“
Mr. X – unkenntlich durch eine Maske – führt im Zirkus eine gefährliche Reit- und Springnummer vor. Als er der schönen Fürstin Fedora Palinska vorgestellt wird, die ihm zuvor applaudiert hat, erkennt sie ihren einstigen Verehrer nicht wieder und behandelt ihn herablassend. Mr. X ist der Interpret des Liedes, um das es geht.
Es ist ein wenig unhöflich, eine Arie, von der eine Fassung des großen Fritz Wunderlich vorliegt, lieber von jemand anderem zu hören. Wunderlich versteht die Nummer vom (augenscheinlich heiteren) Refrain her, von der Titelzeile des „Operetten-Glanzlichtes“ „Wenn man das Leben durchs Champagnerglas betrachtet“; das Tempo ist von Anfang an flott und beschwingt.
Die vorangehende Strophe „Wieder hinaus“ entdeckte und begriff ich erst, als ich sie in einer dieser insgesamt spießigen Operettenverfilmungen des ZDF, die in meiner Jugend häufig gezeigt wurden, den damals sehr populären Rudolf Schock singen sah und hörte. Wie er in seiner Künstlergarderobe die Verachtung beklagt, mit der das Bürgertum seinesgleichen behandelt – ungeachtet des bescherten Frohsinns und der bereiteten Zerstreuung – das ist groß und wahr und wahrhaftig.
Schock gibt dieser Arie von den „Zwei Märchenaugen“ ihre Doppelbödigkeit zurück und macht aus dem Champagnerglas ein Gewässer, aus dem man nicht nur schlürfen, sondern in dem man auch ersaufen kann. Er hebt sie hinauf in den stilübergreifenden Lieder-Olymp, in dem solche unerreichten einschlägigen Meisterstücke wie „Laugh Clown Laugh“ und „Let’s Face The Music And Dance“ verwahrt sind.