Der Song des Tages: „Those Were The Good Old Days“

betr.: 90. Geburtstag von Jerry Ross

Jerry Ross schrieb zusammen mit Richard Adler zwei Hit-Musicals, die beide in den Kategorien „Best Musical“ und „Best Composer and Lyricist“ mit dem Tony ausgezeichnet wurden: „The Pajama Game“ und „Damn Yankees“. Den zweiten dieser Triumphe erlebte er nicht mehr: Jerry Ross starb 29jährig an einem Lungenleiden und besiegelte damit eine vielversprechende künstlerische Partnerschaft. Dass beide Text und Musik gemeinsam geschrieben hatten, erschwerte es dem zurückbleibenden Adler, sich einen neuen Mitarbeiter zu suchen.
„Damn Yankees“ überträgt Goethes „Faust“ ins Baseball-Milieu. Die Show ist reich an Ohrwürmern. Der geplante Hit daraus – wenn es so etwas denn überhaupt gibt – war „Whatever Lola Wants“, auch „Heart“ wurde immer wieder erfolgreich ausgekoppelt. Als am langlebigsten erwies sich jedoch das musikalische Selbstgespräch des Teufels, „Those Were The Good Old Days“:

Manchmal fällt mir die Decke oben drauf.
Und ich hadere mit der Welt und ihrem Lauf.
Dann grab ich tief in der Erinnerung.
Ich war immer alt, doch die Welt war einmal jung.

Ich seh Nero beim Grillen und Napoleon beim Drillen
und Marie Antoinette, die am Hals entzweit.
Eine Welt ohne Gott, aber mit ’nem Schafott –
Jahahaha – das war ’ne schöne Zeit!

Kannibalengemampfe, General Custer beim Kampfe,
und auch für Pompeji ist es bald soweit.
Eh der Hitler verreckt, hat er die Welt angesteckt –
Jahahaha – das war ’ne schöne Zeit!

In diesem Sinne funktionierte der Song viele Jahre lang. Er fehlte in kaum einer der klassisch ausgerichteten Musical-Galas und erklang auch immer wieder in Kabarettprogrammen – Dirk Bach sang ihn in seinem Soloprogramm „Edgar“.
In der heutigen Zeit der Selbstmordattentate, der planmäßigen Zerstörung von historischen Kulturgütern, dem Zerbrechen Europas an der Flüchtlingsfrage und dem möglichen Einzug eines offensichtlichen Geisteskranken ins Weiße Haus muß einem der Ansatz dieses Songs geradezu putzig erscheinen.
Selbst die Ära des Kalten Krieges, in der er entstanden ist, wirkt in der Rückschau wie eine wohlgeordnete Auseinandersetzung.

Der Text könnte eine Auffrischung vertagen. – Wie wäre es damit?

Meine eifrigsten Diener, das war’n die Mediziner –
die Menschheit vermehrt sich ungehemmt.
Ich hab meinen Willen und sehe sie quillen –
der ganze Planet wird überschwemmt!
– Acht Milliarden sind noch nicht genug!

Und ich hab was gestiftet, das alles vergiftet,
der Frieden verhindert in Ewigkeit:
meine Kreation, das war die Religion!
Jahahaha – habt eine schöne Zeit!
Nun seh ich zu, wie die Welt auseinanderfällt
und vor Schmerzen schreit!

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